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Robert Powells KARMAFORSCHUNG:1

Eine Betrachtung
karmischer Zusammenhänge
zwischen
Rudolf Steiner
und
Valentin Tomberg

Robert Powell und Keith Harris
Ins Deutsche übersetzt von Heidi Langen

2
Robert Powell bekam den englischen Artikel „The Transition“ von Keith Harris selber
übergeben mit der Bitte, ihn zu vervollständigen und zu ergänzen. Aus diesem ineinander
Arbeiten ist dieser Artikel entstanden, der im Rundbrief der Sophia Foundation Ostern 2014
veröffentlicht wurde. (Starlight,vol.14, no. 1, erhältlich in PDF Format zum herunterladen
bei: www.sophiafoundation.org—Starlight, der Rundbrief der Sophia Foundation, erscheint
zweimal jährlich.)

Es ist an der Zeit, einige esoterische Mitteilungen zu machen, die frühere Inkarnationen
großer Lehrer der Menschheit darstellen. Vor allem wird hier auf die ersten beiden der drei
„geistigen Lehrer“ des zwanzigsten Jahrhunderts hingewiesen, die die Aufgabe hatten, die
Entfaltung der Anthroposophischen Bewegung auf der Erde zu leiten. Diese drei geistigen
Lehrer des zwanzigsten Jahrhunderts wurden schon in einem Buch von Robert Powell
mitgeteilt, das im Jahr 2005 in deutscher Übersetzung herauskam.1 Allerdings wurden damals
diese esoterischen Mitteilungen in einer mehr verschleierten Art dargestellt. In besagtem
Buch war es eine Art „offenbares Geheimnis“, dass man die karmischen Mitteilungen, die
dort gebracht wurden, „zwischen den Zeilen“ lesen konnte. Zu Beginn des dritten christlichen
Jahrtausends war es wichtig, diese karmischen Enthüllungen in dieser verhüllten Art und
Weise mitzuteilen. Jetzt, vierzehn Jahre später—nachdem sich inzwischen zwei dramatische
und sozusagen „apokalyptische“ Siebenjahresperioden entfaltet haben—ist es an der Zeit,
diese karmischen Enthüllungen offener mitzuteilen, zumindest in dem relativ geschützten
Zusammenhang der Freunde des Choreocosmos und der Astrosophie.
Einige Leser werden ohne Zweifel oder Zögern unmittelbar die Bedeutung der hier gegebenen
Mitteilung der karmischen Enthüllungen aufnehmen können; zweifellos werden aber andere
Leser diese Enthüllungen in Frage stellen, was durchaus verständlich ist. Möge der Leser
diese karmischen Mitteilungen mit einer innerlichen tieferen Frage zu Herzen nehmen und sie
der geistigen Welt anbieten mit der Bitte um Hilfe und Führung, was die Suche nach der
Wahrheit betrifft. Gegen Ende des Aufsatzes wird sicherlich erkannt werden, dass die
karmischen Mitteilungen notwendig sind, um zu einem tieferen Verständnis dessen zu
kommen, was es mit kulturell-geschichtlichen Veränderungen und Übergängen auf sich hat.
Da dies kein Buch sondern ein Aufsatz ist, werden nur notwendige Quellen angegeben. Es ist
dies eine vorläufige Arbeit, die im Laufe der Zeit vertieft und erweitert werden soll. Sie ist ein
Versuch, zu einem tieferen Verständnis eines der zentralen geistigen Themen unserer Zeit zu
kommen.

Robert Powell, Die allerheiligste Trinosophia (Verlag Ch. Möllmann: Borchen 2005).
3
Der einführende Schlüsselgedanke: Rudolf Steiner legt den Grundstein
Rudolf Steiner sagte deutlich, der wahre Zweck der Geisteswissenschaft (Anthroposophie) in
der heutigen Welt sei, die Menschen auf die neue Gegenwart Christi in der Ätherwelt
vorzubereiten, in der übersinnlichen Sphäre, die an die physische Welt anschließt.2
Als Grundlage seiner neu-gegründeten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923,
gab Rudolf Steiner eine Meditation aus vier Strophen bestehend, die „die Grundstein-
Meditation“ genannt wurde.3 Die vierte und letzte Strophe dieser Meditation handelt von den
Hirten und den Königen oder Magiern, die jeweils als Repräsentanten des menschlichen
Herzens und Kopfes kamen, um das Kind—nach dessen Geburt—in Bethlehem anzubeten.
Seitdem ist für viele diese Meditation die Grundlage, uns zum Verständnis zu führen, was im
Evangelium die parousia („Gegenwart“) genannt wird, was gewöhnlich als die „Wiederkunft
Christi“ bezeichnet wird; dies deutet auf eine Ähnlichkeit zwischen unserem eigenen Zeitalter
und der Zeit, die durch die Geburt Jesu eingeführt wurde, was sich historisch bemerkbar
machte durch den Übergang der Zeitrechnung von „vor Christi Geburt“ zu „nach Christi
Geburt“. Durch das Jahrtausend v. Chr. stieg der himmlische Christus von der Höhe, aus der
Sphäre der Sonne… zu der des Mondes … und dann schließlich zur Erde herab, wo Er erst
durch die Erden-Äther-Aura ging und sich verdichtet bis Er schließlich zu dem Geistes-Teil
des Jesus von Nazareth wurde, der in seinen Leib bei seiner Taufe im Jordan eintritt, um
dessen Leib als Gott-Mensch zu bewohnen, als Christus Jesus für drei und ein halb Jahre bis
zu seinem Tod und seiner Auferstehung.


Die beiden Jesusknaben
Eine von Rudolf Steiners bedeutsamsten esoterischen Entdeckungen war die der beiden
Jesusknaben.4 Der Jesus aus dem Matthäus-Evangelium stammt, wie aus der
Geschlechterfolge zu sehen ist, von Davids Sohn Salomo, dem weisen und wohlhabenden
König ab und repräsentiert den weisheitsvollen Strom, den Strom der drei Heiligen Könige.
Der Jesus des Lukas-Evangeliums stammt von Davids Sohn Nathan ab, dem Priester, der den
Liebe-getragenen Strom der Hirten repräsentiert. Rudolf Steiner spricht davon, wie der große
Eingeweihte Zarathustra, der Gründer der alten persischen Zivilisation um 6000 v.Chr., viele
Inkarnationen durchmachte und sich dann schließlich als der Salomonische Jesus inkarnierte.
In den Nathanischen Jesus stieg die reine unschuldige Schwesterseele des Adam zum ersten
Mal in eine Inkarnation, nachdem sie vorher (etwa um die Zeit zwischen 3200 und 3100
v.Chr.) Arjuna als Krishna im alten Indien überstrahlte. Dies war keine Inkarnation, sondern
eine einzigartige Verkörperung—eher ein Überleuchten—, wobei sie vorher noch niemals als

2 Rudolf Steiner, Das Ereignis der Christuserscheinung in der geistigen Welt (GA 118; Rudolf Steiner Verlag:
Dornach 2012), Vortrag vom 25. Januar 1910—„Der Christus wird wiedererscheinen deshalb, weil die
Menschen sich zu ihm hinaufheben werden im Äthersehen. Wenn wir das erfassen, dann erscheint uns
Geisteswissenschaft als die Vorbereitung der Menschen auf die Wiederkunft des Christus, damit das Unglück
nicht eintritt, dass sie übersehen dieses große Ereignis, sondern reif werden, den großen Moment zu erfassen,
den man als das Wiederkommen des Christus bezeichnen kann“ [kursiv von RP].
3 Robert Powell und Estelle Isaacson, Gautama Buddhas Nachfolger. Eine Kraft für das Gute in unserer Zeit
(IL-Verlag: Basel 2014), Anhang 3: Die Grundstein-Meditation. Rudolf Steiner begründete die Allgemeine
Anthroposophische Gesellschaft zu Weihnachten 1923, als er die Grundstein-Meditation am Weihnachtstag gab
– diese Meditation ist zentral für die Neugründung.
4 Robert Powell, Chronik des Lebendigen Christus (IL-Verlag: Basel 2011, 2. Aufl.—ergänzt und erweitert seit
der 1. Aufl. vom Verlag Urachhaus: Stuttgart 1998) gibt einen Überblick über die beiden Jesusknaben, mit
Biographien und Daten, einschließlich der Daten der Ereignisse im Leben Christi, wie die Taufe im Jordan, die
Verklärung auf dem Berg Tabor, die Speisung der 5000 usw.
4
ein Mensch auf der Erde inkarniert war.5 Rudolf Steiner berichtet auch, dass die
Individualitäten des Nathanischen Jesus und die des Zarathustra—der als der Salomonische
Jesus inkarniert war—sich vereinigten, indem das Ich des Letzteren hinüberging und sich mit
dem Ich des zwölfjährigen Nathanischen Jesus verband. Das reife, hochentwickelte Ich ließ
den Leib des weisen Salomonischen Jesusknaben zurück, der dann—beraubt seines Ichs
(seiner Individualität)—eine kurze Zeit später verstarb. Hier sehen wir die Vereinigung von
zwei Strömungen, die am 3. April 12 n.Chr. in Jerusalem stattfand, worauf indirekt
hingewiesen ist unter dem Bericht aus dem Neuen Testament, dass überraschender Weise
plötzlich der zwölfjährige Jesus die Ältesten im Tempel unterrichtete.6

Die Buddhaströmung
In seinen Vorträgen über das Lukas-Evangelium macht Rudolf Steiner darauf aufmerksam,
dass die himmlische Heerschar, die den Hirten erschien, tatsächlich eine Offenbarung des
Nirmanakaya—des großen und gereinigten Astralleibes—des Gautama Buddha ist. Dies zeigt
deutlich, dass der geistige Strom, der hinter der Vorbereitung der Inkarnation für den
Nathanischen Jesus stand, im Zusammenhang mit der Buddha-Strömung zu sehen wäre und
eigentlich aus der Sphäre der Bodhisattvas stammt. Aus dem ersten Nachatlantischen
Zeitalter, dem Uralten Indien, fließt dieser Strom, was unauslöschlich bis zum heutigen Tag
dem indischen Subkontinent eingeprägt bleibt. Der andere Strom, der hinter der Vorbereitung
für den Salomonischen Jesus steht und im Matthäus-Evangelium beschrieben wird, stammt
von dem Gründer des Alten Persien, dem Zarathustra, aus der zweiten Nachatlantischen
Epoche.
Als der Bodhisattva, der als Gautama inkarniert war, zur Buddhaschaft fünf Jahrhunderte vor
Christus aufstieg, gab er die geistige Flamme an den Bodhisattva weiter, der der nächste
Buddha wird. Dieser Bodhisattva ist bestimmt, um 4500 n.Chr. der Maitreya-Buddha zu
werden und deshalb können wir ihn den Maitreya-Bodhisattva nennen (Maitreya bedeutet
„Bringer des Guten“). Wir können den Maitreya sehen, wie er in den letzten fünf
Jahrhunderten vor der Inkarnation des Christus in Palästina durch den Buddhastrom in der
Menschheit tätig war und weiter durch zwei Jahrtausende bis in unsere Zeit und für die
nächsten 2500 Jahre weiter in die Zukunft wirken wird.7

Die Aufgabe des Maitreya-Bodhisattva
Rudolf Steiner zeigt auch auf, dass es die Aufgabe des Maitreya war, auf die ab 1933
stattfindende Gegenwart (parousia) von Christus im Ätherischen verstärkt aufmerksam zu
machen.8 1921 berichtete Rudolf Steiner einem seiner engsten esoterischen Schüler, Friedrich
Rittelmeyer, dass sie beide, wenn sie genügend lange leben würden, sehen würden, wie der


5 Robert Powell, Christus und der Mayakalender (IL-Verlag: Basel 2012). Hier wird das Datum des Endes von
Krishnas Überstrahlung von Arjuna mit dem Beginn des Kali Yuga im Jahr 3102 v. Chr. in Übereinstimmung
mit der Hindu Tradition angegeben.
6 Ebenda.
7 Robert Powell und Estelle Isaacson, Gautama Buddhas Nachfolger: Eine Kraft für das Gute in unserer Zeit
(IL-Verlag: Basel 2014) gibt einen Überblick zu dem Maitreya und seiner gegenwärtigen Aktivität bis in die
Zukunft hinein.
8 Rudolf Steiner hielt am 12. Januar 1910 in Stockholm einen Vortrag, in dem er über die Wiederkehr Christi im
Ätherischen sprach. Es war kein Stenograph anwesend. Aber nach den Notizen von Marie von Sievers sagte er:
„1933 wird Christus in ätherischer Gestalt erscheinen“—Der Europäer Bd. 14, Dezember/Januar 2009/2010
(Pegasus Verlag: Basel 2009), S. 3.
5
Bodhisattva sein Wirken in etwa fünfzehn Jahren entfalten würde, d.h. um die Mitte der
1930er Jahre.9 Wie können wir verstehen, warum diese Aufgabe auf den Maitreya fiel?
Die Magier waren weise; sie waren eine auserwählte Gruppe, die die Mysterien des
Sternenhimmels erforschte, um den Stern zu finden, der sie dann nach Bethlehem führen
sollte. Die Magier kamen zu dem Salomonischen Jesusknaben der königlichen Linie und das
bekräftigt den Ausdruck des „Zarathustra Stromes“, wovon Rudolf Steiner berichtet und der
sich in der Gestalt des Salomonischen Jesus offenbarte, dessen Geburt im Matthäus-
Evangelium beschrieben wird. Dieser hoch-spirituelle Strom sprach damals zu einer
auserwählten Gruppe von erleuchteten Menschen, vornehmlich den Magiern bzw. den drei
Weisen aus dem Morgenland. Wie später gezeigt wird, ist Rudolf Steiner selbst tief mit
diesem Strom karmisch verbunden und wir sehen ihn Türen des esoterischen Christentums,,
vor allem zum Verständnis der Wiederkunft Christi im Ätherischen, für eine relativ kleine
Menschengruppe in der Anthroposophischen Bewegung im ersten Viertel des zwanzigsten
Jahrhunderts öffnen. Seitdem ist die Anzahl von Anthroposophen gewachsen, bleibt aber—
gesehen im Zusammenhang mit der ganzen Menschheit—verhältnismäßig klein. Die Kenntnis
von Christi Wiederkunft bzw. seiner neuen Gegenwart (parousia) im Ätherischen ist jedoch
nicht nur für Anthroposophen als Schüler Rudolf Steiners bestimmt. Denn Menschen rund um
den Globus brauchen die gute Nachricht des gewaltigen Ereignisses der Wiederkunft Christi.
Die Hirten waren Menschen guten Willens—Träger der „Erkenntnis des Herzens“. Im
Vergleich zu den drei Weisen aus dem Morgenland, die Eingeweihte des Zarathustra Stromes
waren, lebten sie wie gewöhnliche Menschen. Und zu diesen Menschen, die ihre Herden bei
Nacht in der Nähe von Bethlehem hüteten, sprachen die himmlischen Heerscharen, wie im
Lukas-Evangelium berichtet wird. Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen, dass zusammen mit
den himmlischen Heerscharen der Engelwesenheiten das Nirmanakaya des Buddha
erschienen ist, dass also ein Teil des Buddhastroms die Geburt des Nathanischen Jesus-
Knaben angekündigt hat. Möglicherweise gehören zu diesem Buddhastrom—fortgeführt in
dem Maitreyastrom—eine viel größerer Anzahl Menschen als zu dem Zarathustra Strom.
Analog dazu betrachten wir nun die Wiederkunft des Christus gegenüber den beiden oben
erwähnten Strömungen, die bei Christi Inkarnation vor zweitausend Jahren mitgewirkt haben.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich, wie später in diesem Aufsatz beschrieben wird, dass
Rudolf Steiners Anthroposophische Gesellschaft offensichtlich nicht alleine als Forum für
esoterische Erkenntnisse mit Bezug auf die Wiederkunft des Christus im Ätherischen
beabsichtigt war. Steiner hat offenbar deutlich die Möglichkeit ins Auge gefasst, dass die
Anthroposophische Bewegung eventuell ein Gefäß für die Inkarnation des Maitreya im
zwanzigsten Jahrhundert sein könnte, um die gute Nachricht von der Wiederkunft Christi und
seiner Erscheinung im Reich der ätherischen Lebenskräfte, einem weiteren Menschenkreis zu
bringen.
Eine Tragödie war es aber, dass der Maitreya-Bodhisattva im Laufe seiner
anthroposophischen Tätigkeit nicht voll zur Entfaltung kommen konnte, eine leitende
Aufgabe in der Anthroposophischen Bewegung anzunehmen, was zweifellos—zumindest
teilweise—mit den Umständen zu dieser Zeit in Europa zu tun hatte. Damals handelte es sich
um die Weltsituation durch Hitlers Machtergreifung und Stalins Diktatur in Russland, aber
auch im Sinne der Anthroposophie durch den internen Streit innerhalb der
Anthroposophischen Gesellschaft, der durch persönliche Konflikte zwischen leitenden

9 Robert Powell und Estelle Isaacson, Gautama Buddhas Nachfolger: Eine Kraft für das Gute in unserer Zeit
(IL-Verlag: Basel 2014), S. 40.
6
Mitgliedern der Gesellschaft gleich nach Rudolf Steiners Ableben stattfand—Konflikte, die
bald nach Rudolf Steiners Tod 1925 ausbrachen und zum Teil das fruchtbare Voranschreiten
der Entfaltung des Anthroposophischen Impulses unmöglich machten.
In der Tat erschien der Maitreya-Bodhisattva, genau zu dem von Rudolf Steiner
angekündigten Zeitpunkt, innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und er nahm auch
die Arbeit Rudolf Steiners auf und entwickelte sie sogar weiter, vor allem in ihrem
christlichen Kern. Er begann auch von der neuen ätherischen Gegenwart Christi zu sprechen,
wurde aber von vielen Anthroposophen nicht gewollt und nicht erkannt. Anstatt erkannt zu
werden, wurde er von einigen leitenden Anthroposophen verfemt und genötigt, die Bewegung
zu verlassen. Als ob Rudolf Steiner so etwas im Voraus geahnt hätte, vermerkte er in seinen
Vorträgen über das Matthäus-Evangelium, dass der Maitreya in seiner Inkarnation im
zwanzigsten Jahrhundert möglicherweise „unerkannt“ bliebe, was eine Tragödie für die
Menschheit und die Erde sein würde.
Solche Ignoranz, mit der Folge, dass er—mit wenigen Ausnahmen—nicht erkannt wurde,
führte dazu, dass der Maitreya sich von der Anthroposophischen Bewegung zurückzog und
äußerlich als ein „gewöhnlicher Mensch“ in der Welt lebte. In Anknüpfung an den
Nathanischen Jesus spricht die nachchristliche Fortsetzung des Bodhisattvastroms zu den
menschlichen Herzen und wenn diese kalt und verschlossen sind, was dann? Wir werden an
das Lukas-Evangelium—im Zusammenhang mit der Geburt des Nathanischen Jesus—
erinnert, wo es „keinen Raum in der Herberge“ gab. Interessant ist auch das Bild, dass die
himmlischen Heerscharen nicht zu jenen behaglich in ihrer Bequemlichkeit Sitzenden
sprachen, sondern zu den Hirten, die ihre Herden bei Nacht draußen hüteten. Der Maitreya-
Bodhisattva, der zukünftige Buddha, kümmert sich um alle Menschen, auch um die, die
weniger mit irdischen Gütern begabt sind, und hilft allen Menschen vor allem in schweren
Zeiten. Werden wir da nicht an das tief bewegende Gedicht von Walter de la Mare „Die
Hörer“ erinnert? Der Reisende erreicht das Haus zur festgesetzten Zeit, er klopft laut, aber er
findet das Haus leer außer einigen voll-beschäftigten Geistern—völlig angefüllt—mit ihren
eigenen hübschen Schemen. Seine Worte hallen wider: „Sagt ihnen, ich kam und niemand
antwortete. Jedoch habe ich mein Wort gehalten.“
Klingen nicht diese stillen Worte des Bodhisattva durch die tragische Zeit des zwanzigsten
Jahrhunderts? Er kam und hielt seine Vereinbarung—aber da gab es keinen Raum für ihn in
der Herberge der Anthroposophen. Und warum sollte er nicht zu uns kommen angesichts der
großen Opfer, die Rudolf Steiner brachte, um den Weg für den Bodhisattva in seiner
Inkarnation im zwanzigsten Jahrhundert leichter zu machen?

Rudolf Steiners prophetischer Hinweis
Es lohnt sich, Rudolf Steiners Arbeitsweise der Gegenüberstellung von Themen in seinen
Vorträgen näher anzuschauen. Er spricht erst über ein Phänomen, dann spricht er über ein
zweites und die beiden Themen werden Seite an Seite stehengelassen. Es ist so, als ob er uns
ein Arcanum vorstellt, das gleichzeitig sowohl enthüllt wie verbirgt. In Verbindung mit dem
Wiedererscheinen des Christus stellt er als zweites Thema die Inkarnation des Maitreya. In
einigen Äußerungen erzählt er uns vor allem, dass es die Aufgabe dieses Bodhisattva sei,
öffentlich über die Wiederkunft Christi im Ätherischen im zwanzigsten Jahrhundert zu
sprechen. Steiner bringt auch das Thema Abraham mit der Wiederkunft Christi in
Zusammenhang. In einem Vortrag in Karlsruhe vom 25. Januar 1910 sagt er Folgendes:
7
Und es wird äußerst wichtig sein, zu erfassen dieses Ereignis der Christus-
Erscheinung, denn diesem werden nachfolgen andere Ereignisse. Wie dem
palästinensischen Christusereignis andere Geschehnisse vorausgegangen sind, so
werden diejenigen, die jenes prophetisch verkündigt haben, auch nach dem
charakterisierten Zeitalter, nachdem Er selber im Ätherleibe wieder der Menschheit
sichtbar geworden sein wird, Ihm nun Nachfolger werden: jene, die Ihn früher
vorherverkündigt haben. Alle diejenigen, die Ihn vorbereitet haben, sie werden in einer
neuen Gestalt erkennbar werden denen, die durch das neue Christusereignis
hindurchgegangen sein werden. Wiederum erkennbar werden wird für die Menschen
dasjenige, was gelebt hat auf der Erde als Moses, Abraham und die Propheten. Und
wissen wird man, dass ebenso wie Abraham vorangegangen ist dem Christus, ihn
vorbereitend, er auch die Mission übernimmt, nachher zu helfen an der Christus-
Arbeit. So wächst der Mensch nach und nach, wenn er nicht verschläft das wichtigste
Ereignis der nächsten Zukunft, in eine Gemeinschaft mit allen denen, die als
Patriarchen vorangegangen sind dem Christusereignis, er verbindet sich mit ihnen.
Und wieder erscheint der ganze Chor derer, zu denen wir uns werden erheben können.
Der die Menschheit heruntergeführt hat in den physischen Plan [d.h. Abraham], der
erscheint dann nach dem Christus wieder und führt den Menschen auch wieder hinauf
und verbindet den Menschen wiederum mit den geistigen Welten.10


Diese Worte sind ganz spezifisch an den Menschen gerichtet, der „nicht verschläft das
wichtigste Ereignis der nächsten Zukunft.“ Rudolf Steiner spricht hier zu seinen Zeitgenossen
und ruft sie zur Wachheit auf auch für Abraham in einer neuen Inkarnation. Dies ist die
deutlichste Ankündigung, dass der, der bei dem Anfang von Israel den Namen Abraham
empfing (ein höheres Wesen überstrahlte den 99-jährigen Abram—Genesis 17,5—und gab
ihm den Namen Abraham), niemand anderes ist als der Bodhisattva, von dem die östliche
Weisheit uns berichtet, dass er der Maitreya-Buddha werden wird.11 Denn ein Bodhisattva
inkarniert sich nicht als ein Mensch von Geburt an; er kommt näher und „inkorporiert“ sich zu
einem bestimmten Zeitpunkt, gewöhnlich zwischen dem Alter von 30 bis 33 Jahren in den
Mann oder die Frau, die ihn tragen wird.

Die drei Jahrtausende von Abraham, Moses und Salomo
In diesem Zusammenhang wollen wir hier einen anderen sehr wichtigen Aspekt von Rudolf
Steiners Wirken betrachten. Er spricht bezüglich der Vorbereitung der Mission von Jesu
Christi davon, wie drei Individualitäten das Wesentliche der drei Jahrtausende vor Seiner
Inkarnation trugen: Abraham formt das erste, Moses das zweite und Salomo das dritte
Jahrtausend bis zur Geburt Jesu:
Deshalb nennen wir den ersten Teil des Kali Yuga in der Geisteswissenschaft
vorzugsweise das abrahamitische Zeitalter, in dem der Mensch zwar den unmittelbaren
Ausblick in die höheren geistigen Welten verliert, in dem ihm aber etwas erwächst wie
ein Gottesbewusstsein, das nach und nach immer mehr und mehr in sein Ich
hereinwächst, so dass er immer mehr und mehr den Gott vorstellt als verwandt mit


10 Rudolf Steiner, Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt (GA 118; Rudolf Steiner
Verlag: Dornach 2012), Vortrag vom 25. Januar 1910. Das Wort „Abraham“ ist hier in Klammern [ ] gesetzt,
weil es deutlich aus dem Zusammenhang ersichtlich ist, dass hier auf Abraham Bezug genommen wird (RP &
KH).
11 Robert Powell und Estelle Isaacson, Gautama Buddhas Nachfolger: Eine Kraft für das Gute in unserer Zeit
(IL-Verlag: Basel 2014), S. 42, verdeutlicht diese Aussage und zeigt auf, dass Abraham viel früher schon eine
Inkarnation dieser großen Individualität war, die in 2500 Jahren als Maitreya-Buddha erscheinen wird.
8
dem Ichbewusstsein, dem menschlichen Ichbewusstsein. Wie das Welten-Ich, so
erscheint die Gottheit demjenigen Zeitalter, dem ersten Jahrtausend im Kali Yuga, das
wir an seinem Abschluss das abrahamitische Zeitalter nennen können. Auf dieses
abrahamitische Zeitalter folgte das Moses-Zeitalter, wo es nicht mehr sozusagen dabei
bleibt, dass sich der Gott Jahve, dass sich das Welten-Ich offenbart wie eine
geheimnisvolle Führung der Menschengeschicke, wie ein Gott eines Volkes allein,
sondern es offenbart sich diese Gottheit im Moses-Zeitalter, wie wir wissen, im
brennenden Dornbusch als der Gott der Elemente. Und es war ein großer Fortschritt,
als aus den Lehren des Moses heraus das Welten-Ich als die Gottheit so empfunden
wurde, dass man sich sagte: die Elemente des Daseins, dasjenige, was man mit
sinnlichen Augen sieht—Blitz und Donner usw.—das sind Ausflüsse, sind Taten des
Welten-Ich, des einigen Welten-Ich zuletzt….Ein weiterer Fortschritt war dann der,
der sozusagen für das letzte Jahrtausend vor der Begründung des Christentums
gemacht worden ist, im Salomonischen Zeitalter. – Wir können also sozusagen die
drei Jahrtausende vor der Begründung des Christentums so unterscheiden, dass wir
etwa das erste Jahrtausend nach derjenigen Individualität, die da auftritt und die da in
das zweite hereinwirkt nennen: das abrahamitische Zeitalter…Der Einheitsgott wird
der Lenker der Naturerscheinungen, wird hinter den Naturerscheinungen gesucht im
Moses-Zeitalter. – Das Ganze erfährt dann eine Erhöhung im Salomonischen Zeitalter.
Und durch dieses letzte Zeitalter werden wir geführt bis zu jenem Punkt der
Entwicklung, wo ganz dieselbe göttliche Wesenheit, welche angeschaut hat das
abrahamitische Zeitalter in Jahve, welche angeschaut hat das Moses-Zeitalter
wiederum in Jahve, wo dieselbe göttliche Wesenheit Menschengestalt annimmt.12

Der "männliche" und der "weibliche" Strom in der christlichen Tradition
Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese drei Individualitäten charakterisieren, was
Valentin Tomberg in seinen Anthroposophische Betrachtungen über das Alte Testament den
„männlichen Aspekt“ der alttestamentarischen Tradition nennt13; wir könnten auch sagen, das
Element, das dem Willen und den Taten in der äußeren Welt entspricht, ist verschieden von
der tief empfundenen mehr verborgenen weiblichen Tradition, bei der die Mutter die Geburt
ihres Kindes erwartet. Wir können dies teilweise bei den beiden Kindern Davids sehen:
Salomo wurde König und sein Bruder Nathan wurde Priester. Der Jesus des Matthäus-
Evangeliums stammte von Salomo ab und sein Vater Joseph ist die zentrale Gestalt in dieser
Geburtsgeschichte. Im Lukas-Evangelium andererseits stammt der Jesus von Nathan ab und
Maria ist hier die zentrale Gestalt der Geburtsgeschichte. Der Erzengel Gabriel erscheint ihr
und sie antwortet mit den Worten, „mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lukas 1,38). In dieser
Zeit offenbart sich in der nathanischen Linie die verborgenere weibliche Tradition, während
die Linie des Salomo die männliche Tradition ausdrückt.
Rudolf Steiners Charakterisierung dieser drei Jahrtausend-Zeitalter richtet sich auf den
männlichen Aspekt der Vorbereitung, auf Taten, die in der äußeren Welt unternommen
werden. In Elias, dem großen Propheten, der als Johannes der Täufer wiedergeboren wurde,
zeigt sich der Vorläufer der weiblichen Linie. Johannes der Täufer überstrahlte Lazarus und


12 Rudolf Steiner, Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt (GA 118; Rudolf Steiner
Verlag: Dornach 2012), Vortrag vom 6. März 1910.
13 Valentin Tomberg, Anthroposophische Betrachtungen über das Alte Testament (Achamoth Verlag:
Taisersdorf/Bodensee 1998), S. 265.
9
der wiederum den Jünger Johannes, den Bruder des Jacobus.14 Dieser Johannes „steht“ mit
Maria unter dem Kreuz, so wird es manchmal von bestimmten Malern gemalt. Somit ist das
Johannäische Element—das mit Johannes dem Täufer, mit Lazarus (der später den Namen
Johannes annahm), und Johannes dem Jünger (und späteren Apostel)—tief verbunden mit der
weiblichen Tradition von Israel.15

Abraham
Wie können wir das Zeitalter von Abraham in Israel charakterisieren? Abraham ist der
Stammvater des jüdischen Volkes. Er trennt sich von der Zivilisation der Mesopotamier, in
die er hineingeboren wurde und von den sie umgebenden semitischen Stämmen. Er ist nicht
der Kämpfer, sondern ein Bauer und grub wichtige Brunnen aus, die auch seinen Schaf- und
Rinderherden dienten. Rudolf Steiner beschreibt, wie im Gegensatz zu den ihn umgebenden
Völkern, die noch ganz in seelischen Bildern lebten, er bereits in Gedanken dachte, weshalb
er z.B. erkennen konnte, dass mit dem Brunnenausheben man neue Landgebiete für das Leben
nutzbar machen könnte. Abraham erfasst sein Denken vor jedem anderen Menschen seiner
Zeit, er fußt auf dem Denken, das auf Sinneswahrnehmung und dem Gebrauch des physischen
Gehirns basierte.
Rudolf Steiner schildert unter anderem zwei Gesetzmäßigkeiten bei der Darstellung des
Reinkarnationgedankens: Kontinuität und Polarität. Grob gesprochen könnten wir sagen, dass
dasjenige, was wir in einer Inkarnation tun, wir in einer nächsten Inkarnation
weiterentwickeln, aber in einer polar entgegengesetzten Weise. Rudolf Steiner spricht von
diesem Konzept der Polarität von Taten bedeutender Individualitäten: dass jemand, der in
einer Inkarnation eine bedeutsame Tat vollbrachte, in einer späteren Inkarnation die polar
ergänzende Tat vollziehen werde. Und er erwähnt in diesem Zusammenhang vor allem, wie
die Individualität von Abraham in einem späteren Leben die polar ergänzende Tat tun werde,
nämlich für die Menschen die wahre neue Natur des bildhaften Denkens auf einer höheren
Ebene als das einstige Traumbewusstsein wieder aufleben zu lassen.
Der Astralleib hängt stark zusammen mit dem Nerven-Sinnes-System, in welches er sich
inkarniert. Abraham benutzt dieses gehirngebundene Denken, das auf der sinnesgebundenen
Welt gründet. Seine Aufgabe ist stark auf den Astralleib bezogen und auf die Beziehung des
Astralleibes zur physischen Welt.
In seinem Innenleben ist Abraham viel mehr isoliert als die anderen Menschen seiner Zeit, die
mehr oder weniger ein teilnehmendes Bilderbewusstsein hatten. Er zieht sich aus der
Gemeinschaft der Mesopotamischen Zivilisation zurück, in die er geboren war und erreicht
nach langer Wanderschaft Palästina, wohin er zum Siedeln geführt wird. Er erlaubt seinem
Sohn Isaak nicht, eine Frau der umgebenden Stämme zu heiraten. Vielmehr wählt er ihm
Rebekka, eine Frau aus seinem eigenen Volk, das weit entfernt in der Stadt Harran bei
Abrahams Bruder Nahor lebte. Isaak heiratet Rebekka und folgt seinem Vater und lässt sich
im Land Palästina nieder. Jakob, der dritte Patriarch, verlässt seines Vaters Haus, nimmt auch


14 Siehe Robert Powell, Maria Magdalena und ihre Geschwister (Verlag Ch. Möllmann: Borchen 2008), Kapitel
3, das die Durchdringung von Johannes dem Täufer, Lazarus-Johannes und dem Apostel Johannes betrachtet, wo
insbesondere die Biographien von Lazarus-Johannes und dem Apostel Johannes im Einzelnen erforscht wurden.
15 Es könnte interessant sein, der Frage nachzugehen, ob drei andere bedeutende Individualitäten in sich die
Vorbereitung auf die Inkarnation des weiblichen Aspektes der Alttestamentarischen Tradition herausdestillieren.
Siehe Robert Powell, Maria Magdalena und ihre Geschwister (Verlag Ch. Möllmann: Borchen 2008), das die
Durchdringung von Johannes dem Täufer, Lazarus-Johannes und dem Apostel Johannes betrachtet, wo
insbesondere die Biographien von Lazarus-Johannes und dem Apostel Johannes im Einzelnen erforscht wurden.
10
eine Frau aus der Familie seiner Mutter, und verlässt dann nach längerer Zeit wieder die
Gegend von Harran, um nach Palästina zurückzukehren. Das Thema des Zurückziehens und
Getrenntbleibens von dem Leben der umgebenden Bevölkerungen zieht sich wie ein
Leitfaden durch dieses Abraham-Zeitalter. Die Israeliten sind eine Art wandernde Waisen, bis
sie erstmals in Ägypten eine angenommene Heimat finden. Vermischen sich Völker, ergeben
sich immer wieder Mischehen mit kultureller und religiöser Verschmelzung. Dies geschieht
aber nicht bei den Hebräern. Sie vermischten sich nicht mit den Ägyptern und behalten so ihre
eigene Sprache und Religion.

Moses
Eine neue Zeit beginnt, als die Juden nicht länger frei leben können, weil die Ägypter sie
anfangen, zu Sklavendiensten zu gebrauchen und sie fühlen sich dort wie in Gefangenschaft.
Als Moses das auserwählte Volk von der Gefangenschaft befreit, wird er das geistige Haupt
der Israeliten.
Die „Abraham Tendenz“, sich innerlich zurückzuziehen, erreicht bei Moses einen Höhepunkt.
Um ihn—noch als Säugling—zu retten, war er selbst von seiner Mutter ausgesetzt worden.
Später jedoch begegnete er dem echten inneren Kern des menschlichen Innenlebens, dem ICH
BIN. Als Moses dann nach dem Namen des Göttlichen Wesens fragte, das zu ihm aus dem
brennenden Dornbusch sprach, war die Antwort, „Ehyeh Asher Ehyeh,“ was bedeutet, „ICH
BIN der ICH BIN.“ Und der ICH BIN lehrt Moses, Sein Volk zu befreien und Er verleiht
Moses eine besondere Kraft heiliger Magie, wie sie nie zuvor in der Geschichte aufgetreten
war. Moses führt die Hebräer sicher über die Grenze—das Rote Meer teilt sich für die
Israeliter—aber die sie verfolgende Schar der Ägypter ertrinkt in den sich wieder
schließenden Fluten.
Nun war das auserwählte Volk, das Moses folgte, frei von dem Druck der Ägypter; aber die
Wüste umgab sie. Dort wurden sie von oben gesegnet und bekamen Manna vom Himmel als
Speise. Doch während Moses auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote empfing, um das Volk zu
erziehen, rebellierten die Kinder Israels zusammen mit seinem Bruder Aaron, der ihnen
erlaubte, ein Goldenes Kalb zu machen und sich in Ausschweifungen zu ergehen.
Valentin Tomberg spricht in seinen Betrachtungen über das Alte Testament davon, wie Moses
nun vor einer schrecklichen Entscheidung stand. Er hätte die wenigen Gläubigen nehmen und
den Rest der Hebräer dem Untergang überlassen können, doch er bat Gott um Verzeihung für
sie. So führt Moses das Volk weiter und es mussten vierzig Jahre vergehen, bevor sie in das
Verheißene Land kommen konnten. Moses selbst kann nur den Berg Nebo ersteigen und von
dort auf das Land Abrahams, Isaaks und Jakobs von ferne blicken; ihm wurde verwehrt in das
gelobte Land zu kommen.
Das Bild von Moses, der herabblickt, aber nicht selbst das Gelobte Land betritt, kann
symbolisch gesehen werden. Es könnte darauf hindeuten, dass die Moses-Individualität nicht
selbst physisch anwesend sein würde bei der Erfüllung des Versprechens, dass der Messias in
dieses Volk geboren würde, sondern dass er auf das Ereignis der Inkarnation des Messias aus
der Sicht des Himmels wird blicken müssen.
Das Jahrtausend des Moses ist von Krieg und Entbehrungen gezeichnet. Die Kinder Israels
haben den Angriff der sie umgebenden Völker zurückzuschlagen, um selbst zu überleben.
Nirgendwo ist das offensichtlicher als am Ende des Jahrtausends im Leben von David, der
dann das Volk führt. Durch heilige Magie des Moses sind sie in der Lage, das Gelobte Land
11
zu finden—und durch das Heldentum Davids und harte Kämpfe der Israeliten auch dort zu
bleiben.


Hermes
Rudolf Steiner berichtet uns auch, dass Zarathustra zwei bedeutende Schüler hatte, die in
späteren Inkarnationen Moses und Hermes wurden. Jeder von ihnen erfüllte ähnliche Rollen
für sein jeweiliges Volk. Hermes inkarnierte sich während der Zeit des Baues der großen
Pyramide und wurde der weise Lehrer der ägyptischen Zivilisation. Die Geisteswissenschaft
berichtet, dass die tiefe Weisheit von Hermes von der Übertragung des Astralleibes des
Zarathustra auf ihn stammte. So kamen Hermes besondere Kräfte um die Mitte des Abraham-
Jahrtausends aus Zarathustras hoch entwickeltem Astralleib. Etwa zwölfhundert Jahre nach
Hermes, während des Moses-Jahrtausends, inkarnierte sich Moses und wurde der große
Lehrer der Hebräer, der „Bringer des Gesetzes.“ Rudolf Steiner berichtet weiter, dass Moses
den Ätherleib von Zarathustra erhielt, wodurch er in der Lage war, auf dessen besondere
Weisheit zurückzugreifen.
Gewöhnlich kämpft der Ätherleib ständig mit den Kräften der äußeren Natur, die sonst den
physischen Leib zerstören würden, zu dem er gehört. Auf diese Weise erhält der Ätherleib
den physischen Leib Tag und Nacht, bis er sich im Augenblick des Todes vom physischen
Leib zurückzieht. Der physische Leib fängt an zu zerfallen, sobald er nicht länger von dem
Ätherleib durchdrungen ist.
Das Abraham-Zeitalter ist eine Vorbereitung auf der astralen Ebene für das Kommen des
Messias und das Moses-Zeitalter bereitet das Volk Israel auf der ätherischen Ebene vor für die
Inkarnation Christi.

Salomo
Als Davids Sohn, Salomo, König wird, beginnt ein drittes Zeitalter. König Salomo war über
alle Maßen mit Weisheit gesegnet, auch war er sehr reich und hatte alles, was sein Herz
begehrte: Frauen, Reichtum und Weisheit. Er ist der inspirierte Schreiber von Das Hohelied
der Liebe. Auch andere Werke, die sogenannten „Bücher der Weisheit“ des Alten
Testamentes werden ihm zugerechnet. Und trotz all dieser Errungenschaften ist er des Lebens
müde. Liest man die Prediger, eins der Weisheitsbücher, die auch Salomo zugeschrieben
werden, bekommt man ein Gefühl, dass er müde geworden ist, ja gelangweilt, wenn er
schreibt: „Was ist‘s, das geschehen ist? Eben was hernach geschehen wird. Was ist‘s, das man
getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird; uns geschieht nichts Neues unter der
Sonne“ (Prediger 1, 9). König Salomo kann man als ein „überreifes Wesen“16 beschreiben.
Die anthroposophische Autorin Judith von Halle schreibt in ihrer Arbeit über Zarathustra,
dass dieser große Führer der alten persischen Kulturepoche auch als ein „überreifes Erden-
Ich“ bezeichnet werden könnte, als einer, dessen Hauptimpuls und Auftrag zu jener Zeit im
Alten Persien schon vollendet war.17 Der Stammbaum des salomonischen Jesusknaben im
Matthäus-Evangelium geht bis zu König Salomo zurück und beschreibt so den Zarathustra-
Strom.


16 Valentin Tomberg, Anthroposophische Betrachtungen über das Alte Testament,(Achamoth Verlag:
Taisersdorf/Bodensee 1998), Seiten 171-177. Mit dem Ausdruck „überreifes Wesen“ ist Folgendes gemeint:
„Der Weg Salomos ist der Weg der luziferischen Manas-Erkenntnis,“ ebenda S. 175.
17 Judith von Halle, Von den Geheimnissen des Kreuzweges und des Gralsblutes (Verlag am Goetheanum:
Dornach 2006), S. 116-119—Judith von Halle benutzt auf Seite 116 den Ausdruck „überreifes Erden-Ich“.
12
König Salomo baute den Tempel in Jerusalem genau an der Stelle, die esoterisch als die Mitte
der Erde betrachtet wird.18 Dieser Tempel machte den göttlichen Plan der Evolution sichtbar.
Dieser göttliche Plan erreichte eine erste Ebene der Erfüllung in Jesu Geburt, und eine noch
höhere Ebene der Erfüllung wurde erreicht bei der Inkarnation des Sohnes Gottes, Christus,
der in Jesus inkarnierte bei der Taufe im Jordan, als der Mensch Jesus das Alter von 29 Jahren
und 9½ Monaten erreicht hatte. Zu diesem Zeitpunkt zog sich das Ich der Salomonischen
Jesus-Individualität aus dem Leibes-Gefäß des Nathanischen Jesus zurück.
Zarathustra inkarnierte sich physisch als der Salomonische Jesus, dessen Ich aus seinem Leib
heraus, zu dem des 12jährigen Nathanischen Jesus überging und ihn durchdrang, so dass er
auf der Ebene des Ich eine einwohnende Gegenwart des Jesus von Nazareth war. Bei der
Inkarnation des Sohnes Gottes, Christus, in den Leib des Jesus von Nazareth, bei der Taufe im
Jordan, zog sich das Ich des Zarathustra aus diesem Leib zurück, der nun Träger eines Gottes
wurde. Dieses dritte Jahrtausend, das zu der Geburt des Jesus und der Inkarnation des
Christus führte, kann wahrlich als das Zeitalter der Vorbereitung des physischen Leibes des
Messias beschrieben werden.

Die drei nachchristlichen Zeitalter
Die drei vorchristlichen Jahrtausende von Abraham, Moses und Salomo charakterisieren
jeweils die Vorbereitung für den Astralleib, den Ätherleib und den physischen Leib des Jesus.
Diese drei „Leiber“ bieten das Gefäß für die Inkarnation des Christus-Ich. Rudolf Steiner geht
dann weiter und beschreibt eine umgekehrte Wiederholung der drei Zeitalter nach Christus:
Nun geschieht eine Wiederholung dieser drei Zeitalter, wie sie vor der Begründung
des Christentums da waren, in der nachchristlichen Zeit, und zwar jetzt in der
umgekehrten Folge. Die Wiederholung geschieht so, dass sich der wesentliche
Grundzug des Salomonischen Zeitalters im ersten Jahrtausend nach Christus
wiederholt, und zwar so, dass der Geist des Salomo lebt und webt in den
hervorragendsten Geistern des ersten christlichen Jahrtausends. Und es war im Grunde
genommen Weisheit des Salomo, es war dasjenige, was sich ausgebreitet hatte als
Weisheit des Salomo, wodurch man die Natur und Wesenheit des Christusereignisses
zu begreifen versuchte. Was man gelernt hatte an der Salomonischen Weisheit, das
war es, wodurch man zu verstehen suchte die Bedeutung des Christusereignisses.
Dann folgte das Zeitalter, das das Wiederaufleben des Moses-Zeitalters genannt
werden kann…
Aber es erfolgt nach dem Gang der Menschheitsentwicklung von unseren Zeiten ab,
von jenen Zeiten ab, in denen wir langsam hinüberleben in das dritte Jahrtausend, eine
Wiedererneuerung des abrahamitischen Zeitalters. So wie das abrahamitische Zeitalter
und das Salomonische Zeitalter sich folgen in der vorchristlichen Zeit, so folgen sie
sich in der nachchristlichen Zeit in umgekehrter Reihe: Salomonisches Zeitalter,
Moses-Zeitalter und abrahamitisches Zeitalter. Diesem abrahamitischen Zeitalter
gehen wir entgegen und dieses muss uns und wird uns Gewaltiges bringen. Erinnern
wir uns nur einmal, was eigentlich die Bedeutung des abrahamitischen Zeitalters war.
Die Bedeutung des abrahamitischen Zeitalters war, dass sozusagen das alte Hellsehen
geschwunden ist, dass dem Menschen gegeben war ein Gottesbewusstsein, das mit den


18 Robert Powell & David Bowden, Astrogeographia: Correspondences between the Stars and Earthly Locations
(„Astrogeographia, Entsprechungen zwischen Sternen und irdischen Orten“) (SteinerBooks: Great
Barrington/MA 2012), Kap. 9. Deutsche Übersetzung in Vorbereitung im astronova Verlag).
13
menschlichen Fähigkeiten eng zusammenhängt. Alles, was die Menschheit gewinnen
konnte aus diesem Gottesbewusstsein, das an das menschliche Gehirn gebunden ist, all
das ist nach und nach ausgeschöpft worden, und nur wenig ist noch auf dem Weg
dieser Fähigkeiten für das Gottesbewusstsein der Menschen zu gewinnen, wenig nur
noch. Dagegen gehen wir den genau umgekehrten Weg in dem neuen abrahamitischen
Zeitalter. Wir gehen den Weg, der die Menschheit wiederum hinausführt aus dem bloß
physisch-sinnlichen Anschauen, aus dem Kombinieren der physisch-sinnlichen
Merkmale; wir gehen den Weg, der wiederum zurückführt die Menschen in jene
Regionen, in denen sie einmal waren vor dem abrahamitischen Zeitalter. Wir gehen
den Weg, der die Menschen wieder eintreten lässt, lassen wird in Zustände natürlichen
Hellsehens, natürlich hellseherischer Kräfte.19

In der Entwicklung des Kindes kann man auch drei deutlich unterscheidbare Phasen finden,
von denen jede sieben Jahre lang währt, und wir können eine Entsprechung zwischen diesen
sieben Jahresperioden mit den drei oben betrachteten historischen 1000-jährigen Zeitaltern
bemerken. Zunächst wird der physische Leib des Kindes geboren. Dann, um das Alter von
sieben Jahren, mit dem Zahnwechsel, löst sich der Ätherleib aus der nahen Verbindung mit
der Mutter und das gesunde Kind zeigt ein Übermaß an Lebenskräften. Als Drittes tritt um
das Alter von vierzehn, der Pubertät, der Astralleib in den Vordergrund. Wie der Name
„astral“ zeigt—was bedeutet „von den Sternen“—ist diese dritte Lebensphase für junge
Menschen die Gelegenheit, durch eben diesen Astralleib eine Verbindung mit dem
Sternenhimmel zu finden. Allerdings sind in unserer Zeit die Kräfte des Materialismus so
stark, dass das Erwachen vieler junger Menschen für die himmlische Realität gewöhnlich
durch alle weltlichen Attraktionen überlagert wird, die sich heutzutage den jungen Menschen
aufdrängen.
Wenn wir eine Parallele zu den drei vorchristlichen Jahrtausenden ziehen, können wir sehen,
dass das erste christliche Jahrtausend mit der aktuellen physischen Gegenwart des
Christentums befasst ist, das zweite Jahrtausend der christlichen Ära zeigt, dass sich die
Lebenskräfte der Christenheit entwickeln. Heute, zu Beginn des dritten christlichen
Jahrtausends, stehen wir am Anfang der astralen oder himmlischen Gegenwart der
Christenheit. Unsere eigene Zeit mit dem Übergang vom zweiten ins dritte Jahrtausend ist tief
verbunden mit dem Übergang von dem sogenannten Moses- zum Abraham-Zeitalter der
Christenheit und das führt uns zu der Frage, wie die Moses-Individualität das Thema ihres
Wirkens übergeben kann an ihren Nachfolger, so dass die Abraham-Individualität erneut
fortsetzen kann.
Die ersten drei christlichen Jahrtausende stehen unter der jeweiligen Inspiration erst von
Salomo, dann von Moses und endlich von Abraham. Die hier angestellte Betrachtung betrifft
nicht so sehr die Kultur im Allgemeinen, sondern das, was unmittelbar aus der Inkarnation
des Christus selbst entstand, nämlich das Christentum. Entsprechend früheren Andeutungen
zeigt sich, dass diese drei Individualitäten nicht so sehr den verborgenen esoterischen Aspekt
des Christus-Impulses inspirieren und spiegeln, vielmehr beziehen sie sich auf die christliche
Tradition in der Welt. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt: Die Impulse dieser drei großen
Eingeweihten müssen selbst die Taufe Christi empfangen. Es war und ist definitiv möglich für
Impulse aus den drei Jahrtausenden der Zeit des Alten Testamentes, in einer erneuerten und
metamorphosierten christlichen Weise zu erscheinen oder heraufzukommen als ein Echo der


19 Rudolf Steiner, Das Wiedererscheinen des Christus im Ätherischen (GA 118; Rudolf Steiner Verlag: Dornach
2012), Vortrag vom 6. März 1910.
14
vor-christlichen Art—dann können sie deshalb aber auch in einer äußerst destruktiven Maske
auftreten.

Das erste nachchristliche Jahrtausend
König Salomo erhielt eine Weisheit in seine Wiege gelegt, um die er sich nicht bemühen
musste; sie kam als Gnade von oben. Sie war das Resultat von seinen Bestrebungen, die er
schon in früheren Leben erreicht hatte. So, wie die Weisheit Salomos in dem ersten
Jahrtausend vor Christus wirkte, so war die Weisheit der ersten christlichen Gnosis
beschäftigt mit der Anstrengung, das Mysterium der Inkarnation Christi zu verstehen. In
König Salomo war die irdische Königsmacht repräsentiert und in seinem Bruder Nathan war
die priesterliche Kraft sichtbar. Als eine Metamorphose davon zeigt sich das erste nachchristliche
Jahrtausend tief verbunden mit den beiden Machtstellungen: Kaiser und Papst. Die
Beziehung zwischen ihnen kam in der Beziehung zwischen Kirche und Staat zum Ausdruck.
Zum Beispiel brachte der römische Kaiser Konstantin die Christen aus den Katakomben,
indem er das Christentum zu einer offiziellen Religion Roms machte, die sich dann sowohl
zum West- wie zum Ost-Reich ausdehnte. So konnte der Papst, der Bischof von Rom,
anfangen, allmählich einen Einfluss neben dem Kaiser auszuüben.
Im Jahre 800 n.Chr. zog Karl der Große, König der Franken, nach Rom. Seine Absicht,
dorthin zu gehen, war, die Angelegenheiten der Kirche zu ordnen. Während er dann am
Weihnachtstag dieses Jahres auf seinen Knien am Altar in der alten Sankt Peter Basilika
betete, krönte ihn der Papst Leo III. zum römischen Kaiser (Imperator Romanum), indem er
ihm eine goldene mit Juwelen verzierte Krone aufs Haupt setzte. Dieser Akt zeigt, wie eng
Kirche und Staat miteinander verbunden waren und so wurde das Heilige Römische Reich
gegründet. Mit diesem Akt aber annullierte der Papst die Legitimität der Kaiserin Irene von
Konstantinopel und setzte faktisch zwei separate und oft sich widerstreitende Kaiserreiche
und zwei unterschiedliche Ansprüche auf die kaiserliche Autorität ein. Über kommende
Jahrhunderte erhoben die Kaiser beider Reiche von West und Ost konkurrierende Ansprüche
auf die Herrschaft des Ganzen.
Es gibt natürlich noch andere Parallelen zwischen dem letzten Jahrtausend vor Christus und
dem ersten Jahrtausend nach Christus. Die Resignation, die durch den Autor der Prediger
ausgedrückt wurde, die dem König Salomo zugeschrieben werden, wurde schon erwähnt.
Ebenso war die Theologie des ersten Jahrtausends der christlichen Ära mit einer gewissen
Resignation gekennzeichnet—dies bezeugt Augustinus mit seiner Theorie der Prädestination.
Salomo war der Architekt des großen Tempels in Jerusalem, der erbaut wurde auf Erden als
ein Spiegel vom göttlichen Plan der geistigen Evolution der Weltentwickelung. Ähnlich war
das erste Jahrtausend nach Christus mit Bauwerken befasst, mit dem Errichten von Kirchen
und Klöstern. Salomo war reich; Salomo war weise. Ebenso besaßen die Klöster Ländereien
und Reichtümer und sie waren der Aufbewahrungsort sowohl des geistigen wie des weltlichen
Wissens. Das Salomonische Jahrtausend der nachchristlichen Ära war vor allem auf das
Einrichten der aktuellen Gegenwart des Christentums auf Erden gerichtet. Dies ist parallel zu
den ersten sieben Lebensjahren des Kindes, in der auch jeder Mensch seine eigene
Leiblichkeit bildet, seine physische Gestalt aufbaut.


Das zweite nachchristliche Jahrtausend
In dem vorchristlichen Moses-Jahrtausend erlebten die Israeliten vor allem ihr Exil in
Ägypten und die Rückkehr ins Gelobte Land. Heimgekehrt mussten ab der Zeit von Moses
15
Nachfolger Joshua bis zu König David die Kinder Israel im Gelobten Land um ihr Überleben
kämpfen gegen die Ägypter, die Kanaaniter, die Edomiter und andere. Als eine
Metamorphose dieses Verbundenseins mit dem Gelobten Land erwachte im elften
Jahrhundert, in dem zweiten nachchristlichen Jahrtausend, nun in den Christen die Vision von
Jerusalem und dem Gelobten Land. Die Kreuzzüge begannen und der Konflikt zwischen
Christentum und Islam wurde immer drängender.
Hier kann man erahnen, wie Impulse aus der vorchristlichen Moses-Epoche wie
metamorphosiert und nicht nur in christlicher, sondern auch in regressiver Weise zu der
vorchristlichen Zeit auftauchen.
Mit Beginn des Christentums durch Christi Opfer auf Golgatha war die Möglichkeit gegeben,
dass alle Menschen auf geistiger Ebene das „Volk Christi“ sein konnten—es sei denn, sie
wandten sich von Ihm ab. Während des zweiten Jahrtausends n.Chr. könnte man die äußeren
Kriege gegen die sogenannten „Ungläubigen“ und auch solche kriegerischen Impulse wie jene
der sogenannten „Christen“ gegen die einheimischen amerikanischen Indianer und die
australischen Aborigines, als einen gespiegelten Teil der vorchristlichen Kämpfe der Israeliten
ansehen, aber ganz offensichtlich noch nicht im Sinne Christi handelnd.
Die Art der Kriegführung, die aus einer wahrhaft Christus-erfüllten „Moses-Quelle“
entspringt, ist die des Geistes. Die realen Feinde des Christentums sind nicht Menschen,
sondern, wie Paulus deutlich wusste, Mächte und Gewalten, d.h. gefallene hierarchische
Wesen. Der Konflikt besteht im Reiche der Ideen, der Ethik und Theologie; er findet im
Innenleben der Menschen statt. In ähnlicher Weise, in der der Ätherleib den physischen Leib
belebt und ständig gegen die Einflüsse der physischen Umgebung oder der Nahrung
ankämpfen muss, enthüllt sich die Parallele dieses zweiten Jahrtausends mit der zweiten
Siebenjahresperiode des Kindes, die auf das Entfalten des Ätherleibes blickt, der ständig
damit beschäftigt ist, die Grenzen des physischen Lebens zu schützen.

„Moses“ im zweiten nachchristlichen Jahrtausend
Moses erreichte die Entlassung der Hebräer aus der ägyptischen Sklaverei durch seine
„heilige Magie“. Dies bedeutet, dass diese gleiche hervorragende ewige Moses-Individualität
in dem christlichen Moses-Zeitalter, eine entgegengesetzte Tat herbeiführen müsste, eine Art
Metamorphose des großen Auszugs der Israeliten aus Ägypten.
Was könnte eine solche polar entgegengesetzte Tat sein? Moses wirkte durch sehr machtvolle
„heilige Magie“ und das, was seine Gefolgsleute tun mussten, war seiner Führung zu folgen.
Versucht man eine Metamorphose hierfür zu finden, so könnte dies bedeuten, dass im zweiten
Jahrtausend nach Christus die Aktivität des wiedergeborenen Moses sich mehr in der inneren
statt in der äußeren Welt abspielen würde, und dass er an einem ent-materialisierten, einem
spiritualisierten Denken z.B. arbeiten würde, das seine Gefolgsleute schwer zu erarbeiten
hätten. Das Arsenal heiliger Magie, das der große Eingeweihte Moses ausübte, würde dadurch
in innere „Waffen des Denkens“ umgewandelt, die jeder einzelne Mensch selber handhaben
kann, wenn er oder sie danach ernstlich strebt. Rudolf Steiner schildert es so:
Und wenn wir in das zweite nachchristliche Jahrtausend heraufkommen, so ist es der
Geist des Moses, der wiederum die Besten dieses Zeitalters durchdringt. Ja, wir
können diesen Geist des Moses in neuer Gestalt wieder aufleben finden. Während der
Geist des Moses in der vorchristlichen Zeit den Blick hinausgerichtet hat in die Welt
nach der äußeren physischen Natur, um das Welten-Ich, den Weltengott als Jahve eben
16
als Welten-Ich zu finden, zu finden in Blitz und Donner, zu finden in demjenigen, was
einströmen kann von außen als das große Gesetz des menschlichen Handelns, wie da
gleichsam von außen hereinströmt zu Moses das Welten-Ich, wie das Welten-Ich sich
also gleichsam von außen offenbart, so finden wir, dass sich im zweiten
nachchristlichen Zeitalter dafür von innen dieselbe Wesenheit, im Innern der Seele,
ankündigt. Der Eindruck, der sozusagen als ein äußeres Ereignis für den Moses da
war, als er sich von seinem Volk entfernte, um zu vernehmen den Dekalog [das Gesetz
auf dem Berg Sinai], dieses bedeutsame Ereignis wiederholt sich….im zweiten
nachchristlichen Jahrtausend durch eine mächtige Offenbarung.20


Thomas von Aquin
Vor diesem Hintergrund gibt es einen Menschen, der vor allen anderen im frühen zweiten
Jahrtausend n.Chr. herausragt, nämlich Thomas von Aquin (1225-1274), der die höchste
Ebene theologischen Denkens erklomm—ein christianisierter Aristotelismus—der selbst
heute als höchster Theologe der römisch katholischen Kirche zählt, wo er als der Doktor der
Kirche verehrt wird, d.h. als der größte Theologe und Philosoph der Kirche. In dieser
Verbindung zeigte Rudolf Steiner, dass die gleiche Individualität, die als Aristoteles im
vierten Jahrhundert v.Chr. inkarnierte, als Thomas Aquinas im dreizehnten Jahrhundert n.Chr.
wiederkam. So, wie Aristoteles der Philosoph der Antike war, so war es Aquinas für das
Mittelalter—und für die Kirche ist er noch immer—der Theologe und Philosoph.
Moses führte das auserwählte Volk aus dem Haus der Gefangenschaft und hatte eine tiefe
geistige Erfahrung auf dem Berg Sinai. Als eine Parallele hierzu hatte Thomas von Aquin im
Jahre 1273 eine wahrhaft bedeutende geistige Erfahrung, nach der er nichts mehr schrieb.
Nach dieser übernatürlichen Erfahrung sagte Thomas zu seinem Mitarbeiter Reginald von
Piperno: „Alles, was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Stroh, verglichen mit dem, was
ich geschaut habe und was mir offenbart worden ist.“21 Das Denken, das er in seinem inneren
Leben ergriffen hatte, führte ihn dazu, sich von den engen Grenzen der sinnlichen Welt zu
befreien. In einer späteren Inkarnation erschien die gleiche Individualität wieder auf Erden,
um jene zu führen, die ihm durch ihre eigenen ernsten Anstrengungen folgen wollten zu der
echten Schwelle der geistigen Welt. 1861 wurde diese Individualität, die sechshundert Jahre
zuvor als Thomas von Aquin gelebt hatte—und etwa sechzehnhundert Jahre vorher als
Aristoteles lebte—als Rudolf Steiner wiedergeboren.22

Rudolf Steiner
Moses gilt als der Autor der ersten fünf Bücher der Bibel. Die von Moses inaugurierte
Tradition wurde zuerst mündlich übermittelt und offensichtlich dann erst später
niedergeschrieben. Moses war implizit der „Schreiber“ der beiden Bücher der exoterischen
und esoterischen Geschichte, denn der Inhalt der ersten fünf Bücher der Bibel ist sowohl
exoterisch wie esoterisch—die gemeinsame Grundlage von Juden, Moslems und Christen
besonders in der Beschreibung der sieben Schöpfungstage.


20 Ebenda. Worte in Klammern [ ] von RP.
21 Maximilian Forschner, Thomas von Aquin (C.H. Beck Verlag: München 2006), S. 22.
22 Erich und Margarete Kirchner-Bockholt, Die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita Wegman
(Philosophisch-Anthroposophischer Verlag: Goetheanum/Dornach 1976). Dieses Buch—basierend auf Notizen
Rudolf Steiners—beschreibt im Einzelnen die Inkarnationen dieser großen Individualität: Aristoteles, Thomas
von Aquin, Rudolf Steiner, und auch andere Inkarnationen.
17
Und entsprechend wurde in unserer Zeit die exoterische und esoterische Geschichte der
Menschheit genau und vollständig dargestellt in den Werken von Rudolf Steiner. Durch seine
esoterischen Kenntnisse und geistige Forschung ist das monumentale Buch Die
Geheimwissenschaft im Umriss23 entstanden als Entsprechung der biblischen Bücher Moses.
In diesem Werk bringt er eine neue, moderne Darstellung der sieben Schöpfungstage und
„aktualisiert“ so den Bericht von Moses in der Genesis, im ersten Buch der Bibel. Hier
bekommen wir die genaue Entstehungsgeschichte der Erde aus den verschiedenen Kräften der
himmlischen Wesen detailliert dargestellt. Auch der Pfad zur wahren Einweihung—zu der
Befreiung vom Haus der Knechtschaft der sinnlich-wahrnehmbaren Welt—wird in
verschiedenen Werken Rudolf Steiners, so im Buch Die Geheimwissenschaft im Umriss,
beschrieben, schließlich am Eindringlichsten in den Texten, die heute als die
„Klassenstunden“, die neunzehn Stunden der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
bekannt sind.24
Wenn wir die alten Bilder vom Auszug der Israeliten in einer metamorphosierten Weise
verstehen wollen und sie in unserer Zeit der materialistischen Lehre unserer modernen
Wissenschaft umdeuten wollen—eine Lehre, die die geistige Dimension insgesamt
ausschließt—kann wahrlich gesagt werden, dass Rudolf Steiner seine Geistesschüler von den
„Fleischtöpfen“ Ägyptens wegführte. Seinen Zuhörern in der Theosophischen Gesellschaft
(später Anthroposophischen Gesellschaft) bot Rudolf Steiner „Manna vom Himmel“, ebenso
wie Moses es den Israeliten in der Wüste bot. Das „Manna“ wahrer geistiger Lehre in der
zeitgenössischen „Wüste“ des Materialismus bekamen wir durch ihn.
Bei mindestens einer Gelegenheit deutete Rudolf Steiner an, dass es seine wahre Aufgabe sei,
das Geheimnis von Reinkarnation und Karma zu enthüllen.25 Und in seinen 1924 gehaltenen
„Karma-Vorträgen“ hat er in einer Reihe von einundachtzig Vorträgen konkrete Beispiele der
wiederholten Erdenleben von bestimmten historischen Persönlichkeiten aufgedeckt. Er zeigt
auch auf, wie in früheren Zeiten, bevor Christus diese Aufgabe übernahm, Moses der Herr
des Karma war. Dies bedeutete, dass mit dem Eintritt des Todes (oder kurz danach) jeder
Mensch eine Begegnung mit Moses hatte, um seine karmische Bestimmung und Belastung
anzuschauen. Auf diese Weise sah Moses in die karmischen Beziehungen eines jeden
Menschen. Im zweiten Moses-Jahrtausend des Christentums wer anders als die widergeborene
Moses-Individualität—der Herr des Schicksals—wäre in der Lage, für die Menschheit eine
Reinkarnationslehre mit konkreten Beispielen von so vielen historischen Persönlichkeiten
hervorzubringen?26
Jetzt, in unserer Zeit, ist es aber Christus, der in zunehmendem Maße nach dem Tod als der
Herr des Karma angetroffen wird. Rudolf Steiner schildert:
Moses halte dem Menschen in der Stunde des Todes (das ist nicht genau gesprochen,
aber daran liegt hier nichts) das Sündenregister vor und weise zugleich auf das
„scharfe Gesetz“ [des Schicksals] damit der Mensch erkennen könne, wie er
abgewichen ist von dem scharfen Gesetz, nach dem er sich hätte verhalten sollen.
Dieses Amt [„Herr des Schicksals“] geht über im Verlaufe unserer Zeit—und das ist

23 Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss GA 13 (Rudolf Steiner Verlag: Dornach 1989).
24 Johannes Kiersch, Steiners individualisierte Esoterik einst und jetzt: Zur Entwickelung der Freien Hochschule
für Geisteswissenschaft (Verlag am Goetheanum: Dornach 2012).
25 Thomas Meyer, Rudolf Steiners „eigenste Mission“. Ursprung und Aktualität der geisteswissenschaftlichen
Karmaforschung (Perseus Verlag: Basel 2009), S. 9.
26 Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, GA 235-240 (Verlag am
Goetheanum, Dornach, 1994).
18
die bedeutungsvolle Sache—[von Moses] an den Christus Jesus, und der Mensch wird
immer mehr und mehr dem Christus Jesus als seinem Richter, als seinem karmischen
Richter begegnen.27


Es gibt noch andere tiefgehende Anregungen, die Judith von Halle in ihrem Buch über Rudolf
Steiner, als Meister der weißen Loge bringt. Einer von Rudolf Steiners esoterischen Schülern
fragte ihn, wer er denn wirklich sei, und seine Antwort war, dass sich seine wahre Wesenheit
wie ein roter Faden durch die ganze Erdenentwicklung ziehe.28
Die Geschichte der Menschheit besteht aus Taten, Untaten und Leiden der Menschen. Um zu
verstehen, was er damit meinen könnte, dass wie—durch den Verlauf vieler irdischer
Inkarnationen—sich ein roter Faden durch die ganze Entwicklung der Erde ziehe, man
hinzufügen kann, dass er wie Moses, der der Herr des Schicksals von der Antike an war, eine
tiefe Verbindung zum Schicksal eines jeden Menschen hat.
Große Meister wie Zarathustra, Christian Rosenkreuz und der Maitreya-Bodhisattva, sind
ausersehen, uns zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Erdentwicklung zu verlassen—wobei
sie aufsteigen wie Gautama Buddha, in höhere Existenzbereiche, um sich nie wieder auf der
Erde zu verkörpern, sondern um aus geistigen Reichen für den Fortschritt der Evolution der
Erde und Menschheit zu wirken. Könnte es aber sein, dass die Moses-Individualität—er, der
als die rechte Hand Christi in der Szene von Christi Verklärung (Lukas 9,30) erscheint, immer
der Erdenevolution verbunden bleibt , genau wie Christus selbst, weil dieser ihn als Seine
„rechte Hand“ in der Menschenwelt braucht, um immer wieder einen Menschen zu haben, der
sich für Ihn ganz hinzugeben versteht und immer bereit ist einzugreifen?

Die Entwicklung des Denkens
Im Laufe der menschlichen Entwicklung hat sich das Denken stark verändert. Rudolf Steiner
beschreibt Abraham als den ersten Mensch, der ein Gehirndenken entwickelte, aber sich noch
der Einheit der physischen Welt mit der geistigen bewusst war. Zur Zeit von Jesu Christi aber
war, was die Entwicklung des Bewusstseins des Denkens anbetrifft, die Menschheit „auf der
Erde angekommen“. Dementsprechend gab es Menschen, die nicht mehr zu den himmlischen
Reichen zurückzukehren suchten. Dies wird in dem Sprichwort aus Homers Odyssee zum
Ausdruck gebracht: „Lieber ein Bettler auf Erden als ein König im Reiche der Schatten,“ was
bedeutet, dass im Vergleich mit den Ägyptern, die sich vor allem mit dem Nachtodlichen
befassten, für die Griechen die irdische Existenz, wie schlecht sie auch sein mag, den
jenseitigen Hoffnungen überlegen war.
In diesem kritischen Augenblick der Evolution der Menschheit kam Christus auf die Erde, so
dass durch die Kraft Göttlicher Liebe die Saat der Erlösung in die Menschen gesät werden
konnte, wobei ein Pfad wieder geöffnet wurde, der uns zu unserer geistigen Heimat
zurückführt—zu dem Reich des Vaters, des Schöpfers, von dem wir ausgegangen sind.
Wie früher aufgezeigt, hat das zweite nachchristliche Jahrtausend Bezug zum Reich des
Ätherischen, dem Reich der Lebenskräfte. Um zu dieser verborgenen ätherischen Region zu


27 Rudolf Steiner, Von Jesus zu Christus, (Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 1988), GA 131. 3. Vortrag.
28 Judith von Halle, Rudolf Steiner—Meister der Weißen Loge (Verlag für Anthroposophie: Dornach 2011), S.
142. Das Zitat, das Rudolf Steiner zugeschrieben wird, wurde von Steiner in der dritten Person formuliert und
besagt: „ Seine Individualität ziehe sich wie ein roter Faden durch die ganze Erdenentwicklung und sei schon vor deren Beginn da gewesen“.

19
kommen, müssen wir uns bewusst werden, dass etwas Bedeutendes in unserer gewöhnlichen
sinnes-wahrnehmenden Welterfahrung fehlt. In Thomas von Aquins philosophischen
Gedanken ist eine anfängliche Entdeckung des Ätherischen über und oberhalb des Physischen
gegenwärtig, weil, im Gegensatz zu Abraham, Thomas von Aquin eine Dualität erlebt: die
natürliche Welt, die wir durch unsere eigene Aktivität verstehen lernen können, und die
geistige oder himmlische Gegenwart, die—soweit es die christliche Theologie betrifft—nur
durch Glauben an die christliche Offenbarung gekannt werden kann. Dies war die Situation
im frühen Teil des nachchristlichen Moses-Zeitalters. Gegen Ende seines philosophischen
Werkes, Die Philosophie der Freiheit, zeigt Rudolf Steiner, wie unser grundlegendes
Verständnis des Lebens durch eine radikale Zweiheit zustande kommt: Das menschliche
Erkennen spaltet die Welt in die Empfindung, die wir durch unsere Sinne erleben und den
Begriff, den wir nur durch unsere eigene innere Aktivität in den Griff bekommen. Nur in
unserem eigenen Denken können wir die Einheit der Welt zusammenführen. Die geistige
Aktivität des Denkens, von der Rudolf Steiner in seiner Philosophie der Freiheit spricht,
basiert nicht nur auf dem Gebrauch des physischen Gehirns, sondern entspringt vielmehr
unserer Fähigkeit, ätherische Kräfte zu entbinden und sie einzusetzen, die befreit sind von der
Fessel des „Nerven-Sinnes-System“—wobei hier unser Nervensystem in Verbindung mit
unseren Sinnesorganen gemeint ist. Wer anders als der wiederverkörperte Moses selbst
könnte bei der Kulmination des christlichen Moses-Zeitalters der Menschheit den Weg
weisen, durch den wir uns von den „Fesseln“ der sinnlich-wahrnehmbaren Welt befreien
könnten? Und wer anders als der wiederverkörperte Moses war bestimmt, der Menschheit
eine neue Kunst—die Kunst der Eurythmie—zu bringen, die mit den heilenden Ätherkräften
verbunden ist?
Die Moses-Individualität inkarnierte sich zuerst nahe dem Beginn des nachchristlichen
Moses-Zeitalters als Thomas von Aquin, dem großen Lehrer, Philosophen und Theologen des
Christentums und dann gegen Ende des Jahrtausends als Rudolf Steiner, dem eingeweihten
Wegbereiter des Neuen Zeitalters von Christi Wiederkunft. So leuchtete der mächtige und
dynamische Geist der Moses-Individualität, als einer der zwölf Bodhisattva, die Christus
umgeben, hellstrahlend sowohl zu Beginn wie am Ende des nachchristlichen Moses-Zeitalters
auf.29


29 Rudolf Steiner, Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit (GA 130; Rudolf
Steiner Verlag: Dornach 1995), Vortrag vom 5. November 1911 – Jeshu ben Pandira, 2. Vortrag – „Der größte
solcher Umschläge, der jemals stattfand, war ja bei der Johannestaufe. Da geschah es, dass das Ich des Jesus im
30. Jahre des Lebens das Fleisch verließ und ein anderes Ich eintrat: das Ich des Christus …Einen ähnlichen
Umschlag nachleben wird der zukünftige Maitreya-Buddha. Aber in ganz anderer Weise lebt er in seinen
Inkarnationen einen solchen Umschwung nach. Das Leben Christi lebt der Bodhisattva nach, und diejenigen,
welche eingeweiht sind, wissen, dass er in jeder Inkarnation ganz besondere Eigentümlichkeiten zeigt. Man wird
gerade in der Zeit vom 30. bis 33. Lebensjahre immer bemerken, dass ein gewaltiger Umschwung in seinem
Leben eintritt. Da wird, wenn auch nicht in so gewaltiger Weise wie beim Christus, die Seele ausgetauscht; das
Ich, welches bis dahin den Leib belebt hat, geht heraus in dieser Zeit und der Bodhisattva wird im Grunde
genommen ein ganz anderer als er bis dahin war, wenn auch bei ihm nicht, wie beim Christus Jesus, das Ich
aufhört und durch ein anderes ersetzt wird. Das ist es, was alle Okkultisten gemeinsam verzeichnen: dass man
ihn nicht erkennen kann vor diesem Zeitpunkt, vor dieser Umwandlung. Bis dahin—obwohl mit regstem
Interesse an alles hingegeben—wird seine Mission sich nicht besonders hervorheben, und wenn auch der
Umschwung sicher eintritt, kann man doch niemals sagen, was mit ihm dann geschehen wird. Ganz verschieden
ist immer die frühere Jugendzeit von dem, in das er sich umwandelt zwischen dem 30. und 33. Jahre. So bereitet
er sich vor zu einem großen Ereignis. Das wird so sein: das alte Ich geht heraus, und ein anderes Ich tritt dann
ein. Und das kann sein eine solche Individualität wie die des Moses, des Abraham, des Elias. Diese wird sich
dann in diesem Leibe einige Zeit betätigen; dadurch kann geschehen, was geschehen muss, um den Maitreya-
Buddha vorzubereiten. Den Rest des Lebens verlebt er dann so, dass er mit diesem Ich, das da eintritt, fortlebt.
Wie ein vollständiger Wechsel ist es also, was da eintritt. Doch kann geschehen, was notwendig ist, um den
Bodhisattva zu erkennen. Und dann weiß man, dass, wenn er in 3000 Jahren erscheinen wird und erhoben wird
zur Würde des Maitreya-Buddha, zwar sein Ich in ihm bleiben wird, aber durchdrungen wird innerlich von einer

20


Auseinandersetzung mit Rudolf Meyers Aussage
An diesem Kreuzungspunkt ist es wichtig, auf eine Reinkarnations-Angabe zu blicken,
welche in der Anthroposophischen Bewegung kursiert, die besagt, dass Moses sich als Goethe
wiederverkörpert habe. Die Identifikation von Goethe mit Moses ist falsch. Es ist eine von
vielen „apokryphen Geschichten“, die Rudolf Steiner zugeschrieben werden, In diesem Fall
ging es von dem Anthroposophen Rudolf Meyer aus, der angab, diese Identifikation von
Goethe mit Moses gehe auf Rudolf Steiner zurück. Wir wollen diese Aussage deutlicher
betrachten.
Am 19. April 1984 stellt Rudolf Meyer fest:
Nicht mir persönlich hat Rudolf Steiner diese Äußerung gemacht, sondern ich erfuhr
durch Herrn Schröder, den damaligen Zweigleiter in Bremen, als ich einen
Goethevortrag dort im Zweig hielt, 1920 zirka, diese Mitteilung, es habe Dr. Steiner in
einer esoterischen Stunde die Äußerung gemacht, Goethe sei in seiner ägyptischen
Inkarnation Moses gewesen. Nur habe ich diese Mitteilung von niemanden anders
empfangen. Deshalb spreche ich nur zögernd darüber. 30

Warum kann diese anscheinende Aussage nur falsch sein? Rudolf Steiner beendete die
esoterische Schule 1914, hielt aber weiterhin doch noch einige wenige esoterische Stunden.
Mittlerweile wurden die zugänglichen Notizen von denen, die an diesen Vorträgen
teilgenommen haben in drei Bänden (GA 266/1-3) veröffentlicht. Sicher wäre etwas so
Sensationelles wie die Angabe, dass Goethe der reinkarnierte Moses sei, mindestens von einer
seiner Schüler mitgeschrieben worden! Wenn wir sehen, dass Rudolf Meyer siebenundachtzig
oder achtundachtzig Jahre alt war, als er obige Ankündigung brachte, kann es leicht sein, dass


anderen Individualität noch. Und das wird gerade geschehen in seinem 33. Jahre, in jenem Jahre, in dem sich mit
Christus vollzogen hat das Mysterium von Golgatha. Und dann wird er auftreten als der Lehrer des Guten, als
ein großer Lehrer, der vorbereiten wird die richtige Lehre von dem Christus und die richtige Weisheit von dem
Christus in einer ganz anderen Weise als dies heute geschehen kann. Geisteswissenschaft soll vorbereiten
dasjenige, was einmal Platz greifen soll auf unserer Erde“ [kursiv von RP]. Diese kursiv geschriebenen Worte
zeigen an, dass Moses, Abraham und Elias drei der zwölf Bodhisattvas um Christus sind. Tatsächlich erschienen
zwei von diesen Bodhisattvas—Moses und Elias—zur Rechten und zur Linken des Christus bei dem Ereignis der
Verklärung auf dem Berge Tabor (Matthäus 17, 1-9). Der dritte hier erwähnte Bodhisattva, Abraham, ist
Gegenstand dieser Abhandlung bezüglich Jeshu ben Pandira als eine der Inkarnationen des Bodhisattva, der der
Maitreya-Buddha um 4500 n.Chr. werden wird. Jene Leser, die den Inhalt meines Buches Die Allerheiligste
Trinosophia (siehe Fußnote 1) kennen, werden bemerken, dass der Blickwinkel in jenem Buch auf die drei
„geistigen Lehrer“ des zwanzigsten Jahrhunderts gerichtet ist (und, im Falle des dritten Lehrers, sich fortsetzt ins
einundzwanzigste Jahrhundert, sich also gegenwärtig noch fortsetzt) auf die drei Bodhisattvas, die hier von
Rudolf Steiner in der ungewöhnlichen Reihenfolge genannt werden!—Die Leser werden die wichtige Tatsache
dieser seltsamen Ordnung bemerken, denn die normale Reihenfolge, in der diese drei Namen historisch
erscheinen, ist Abraham, Moses und Elias. Hier sehen wir wieder, dass jede Einzelheit, die von Rudolf Steiner
übermittelt wird, tiefe esoterische Bedeutung hat. Indem er die drei Bodhisattvas in der Reihenfolge Moses,
Abraham, Elias bringt, deutet er—für diejenigen, die „zwischen den Zeilen“ lesen können—hin auf die Abfolge
der drei Inkarnationen dieser Bodhisattvas im zwanzigsten Jahrhundert als die drei „geistigen Lehrer,“ die die
Entfaltung der anthroposophischen Bewegung begleiten. Betrachten wir schließlich den Elias-Bodhisattva, siehe
Robert Powell, Elias kommt wieder (IL-Verlag: Basel 2009), das Nachwort auf den Seiten 235-237, wo die
gegenwärtige Inkarnation dieses Bodhisattva als der „dritte Lehrer“ besprochen wird, dessen Wirken sich jetzt
als ein Segen für die Menschheit und die Erde entfaltet.
30 Aus einem Aufsatz von Thomas Meyer: „Goethe und Moses ein karmischer Zusammenhang“, Der Europäer,
Jg 2, Nr. 7 (1998), S. 3-10, siehe v.a. S. 10. Siehe auch Thomas Meyer Rudolf Steiners „eigenste Mission“
Ursprung und Aktualität der Geisteswissenschaftlichen Karmaforschung (Perseus Verlag: Basel 2009), S. 153.

21
er Dinge verwechselte, oder dass Herr Schröder die Dinge vertauscht hatte und deshalb kann
diese Mitteilung nicht als sichere Angabe Rudolf Steiners betrachtet werden.
Wenn wir bedenken, dass der Vortrag in der Esoterischen Schule in Berlin—der am 22. März
1912 gehalten wurde (GA 266/2) über „Moses und das goldene Kalb“—in großen
Einzelheiten aufgezeichnet wurde und wie Rudolf Steiner einige seiner sehr vertrauten und
esoterisch engagierten Schüler in diesem Vortrag mit diesen Worten ansprach: „Stellen Sie
sich vor als ihren Lehrer und Meister Moses…“, wie könnte es da sein, dass diese Aussage,
dass Moses sich als Goethe reinkarniert haben sollte, nicht von einem einzigen aufgeschrieben
worden wäre und damit auch inzwischen unter den esoterischen Stunden veröffentlicht
worden wäre.31 Goethe war die Inkarnation einer großen Individualität; darüber kann kein
Zweifel bestehen. Kann aber irgendjemand ernstlich denken, dass Goethe der Bodhisattva
war, der an der „rechten Hand“ Christi der Träger des Erzengels Michael war und der Herr
des Karma ist? Dieses erhabene Geist-Wesen des Moses brachte die große Lehre der sieben
Schöpfungstage, die das Rückgrat der westlichen Zivilisation war, die ein Plan von der
Erschaffung der Welt lieferte und den Ursprung des Menschen schildert.
Die Aussage von Rudolf Meyer kann also nicht bekräftigt werden, sondern muß abgewiesen
werden.


Christi Wirken in den nachchristlichen Jahrtausenden
Der Christus-Impuls wirkte auf Erden durch diese ersten drei Jahrtausende, nämlich
demjenigen, das dem Salomo-Jahrtausend entspricht, dem des Moses und dem des Abraham.
Nach Seinem Tod und der Auferstehung stieg Christus zu Seinem Vater im Himmel auf. Nach
geistigen Gesetzmäßigkeiten stieg Er dann auch wieder hinab und verdichtete sich durch alle
Sphären hindurch bis hin zu dem Ätherreich, der Sphäre, die der physischen am nächsten
steht. Vom Ätherreich aus geht heute Sein großes Wirken aus, um die Natur und die
Menschheit in der Art zu leiten, wie Er sich den Jüngern zwischen der Auferstehung und der
Himmelfahrt vor zweitausend Jahren offenbarte, als der Auferstandene und als der
Befreiende. Rudolf Steiner weist darauf hin, dass diese Offenbarung im Ätherischen in den
frühen 1930er Jahren beginnen würde (bei mindestens zwei Gelegenheiten erwähnte er das
Jahr 1933—siehe Fußnote 8). Heute existieren bereits viele Berichte von Seiner Erscheinung
im Ätherreich. Rudolf Steiner weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass es nicht seine eigene
wirkliche Aufgabe sei, dieses Thema der Wiederkunft Christi der Menschheit im Großen zu
bringen, sondern, dass dieses die besondere Aufgabe eines nach ihm Kommenden sei.32

Die Übergabe
Die Moses-Individualität, die sich in Rudolf Steiner inkarnierte und ihre großartige geistige
Aktivität im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts im Dienste Christi entfaltete, war
auch mit der Erfüllung aller karmisch bedingten Umstände befasst. Er brachte eigentlich das
zweite Jahrtausend christlicher Tradition—d.h. das Moses Jahrtausend der nachchristlichen
Zeit—zu einer geistigen Kulmination und lebte mit einem Blick darauf, sein Werk an seinen
Nachfolger, dessen Wirkungen das dritte Jahrtausend prägen wird, zu übergeben. Die Frage,
wie diese Übergabe, dieser Übergang vom Moses- zum Abraham-Jahrtausend, zwischen der


31 Rudolf Steiner, Aus den Inhalten der esoterische Stunden (GA 266/2; Rudolf Steiner Verlag: Dornach 1996),
S. 352. Siehe auch GA 266/1 (1995) und GA 266/3 (1998).
32 Robert Powell und Estelle Isaacson, Gautama Buddhas Nachfolger: Eine Kraft für das Gute in unserer Zeit
(IL-Verlag: Dornach 2014), Anhang 1.

22
Moses- und der Abraham-Individualität stattgefunden hat, wird uns im Kommenden
beschäftigen.
Rudolf Steiner deutete auf seinen Nachfolger. Implizite bat er seine Zuhörer, Ausschau zu
halten nach der Bodhisattva-Individualität, die bald unter seinen Zeitgenossen erscheinen und
über Christus in Seiner neuen ätherischen Gegenwart sprechen würde.33 Dieses Sprechen zu
einer Anzahl von Menschen, um die Wiederkunft Christi im Ätherischen anzukündigen, ist
eine polar entgegengesetzte Tat zu der von Abraham, der als der Gründungsvater der
Israeliten sich aus der mesopotamischen Zivilisation, in die er geboren war, zurückzog, um
die Vorbereitung für das physische Gefäß in die Wege zu leiten, in das der Christus sich viele
Generationen später inkarnieren würde. Mit der Rückkehr des Christus in die Äthersphäre der
Erde in den 1930er Jahren, sollte deutlich diese Bodhisattva-Individualität, die damals der
„Gründungsvater“ einer besonderen Menschengruppe war, hervortreten und der Menschheit
die Bedeutung der Neuen und andersartigen Gegenwart des Auferstandenen übermitteln. Hier
begegnen wir einer, der großen geistigen Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts: Die Moses-
Individualität, die in Rudolf Steiner anwesend war, konnte ihre geistige Arbeit nicht an diese
Bodhisattva-Individualität, an den wieder-inkarnierten Abraham, übergeben!
Gab es denn jemand zu jener Zeit, den wir als die Bodhisattva-Individualität betrachten
können, von der Rudolf Steiner sprach, dass er in den 1930er Jahren auftauchen würde, d.h.
in den 1930er Jahren versuchen würde, seine eigene Arbeit mit der von Rudolf Steiner mit
Bezug auf die Ankündigung des Christus im Ätherischen zu vereinen? Und war dies jemand,
der—wie Abraham, der Gründungsvater von Israel—in der Lage war, geistig die ganze
biblische Tradition zu durchdringen aus der Sicht der Anthroposophie, um in tiefer Weise
sprechen zu können über das bedeutsamste Ereignis, die Wiederkunft Christi im Ätherischen?


Valentin Tomberg
Valentin Tomberg34 (26. Februar 1900—24. Februar 1973) kam und schloss sich an Rudolf
Steiners Wirken an, ging innerlich den Schulungsweg, den Rudolf Steiner seinen
Zeitgenossen nahe legte und durchdrang die Anthroposophie und besonders die Studien zum
Alten Testament, zum Neuen Testament und zum Buch der Offenbarung und, darüber hinaus,
sprach er in äußerst tiefer Weise über die Wiederkunft des Christus im ätherischen Reich.
Nun wurde aber Valentin Tomberg nur von wenigen Anthroposophen gehört; einer von ihnen
war die Mathematikerin und Astronomin Elisabeth Vreede (siehe Fußnote 43). Sie war von
Rudolf Steiner zum Mitglied des ersten Vorstandes („Initiativ Gruppe“), der neu gegründeten
Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923 bestellt, und sie wurde von Rudolf
Steiner zur Leiterin der Mathematisch-Astronomischen Sektion der „Freien Hochschule für
Geisteswissenschaft“ ernannt, die er 1924 am Goetheanum in Dornach gründete. Mit Hilfe
von Elisabeth Vreede und ihrem organisatorischen Geschick wurde es möglich, dass Valentin

33 Ebenda, S. 43-48.
34 Valentin Tomberg, Anthroposophische Betrachtungen über das Alte Testament und Anthroposophische
Betrachtungen über das Neue Testament und die Apokalypse (Achamoth Verlag: Taisersdorf/Bodensee 1989 und
1991). Diese Bücher und die sieben Vorträge über Die vier Christusopfer und das Erscheinen des Christus im
Ätherischen (Achamoth Verlag: Taisersdorf/Bodensee 1994) zeigen sich in ganz neuer Art, wenn man sie vor
dem Hintergrund dessen liest, was in diesem Aufsatz „Eine Betrachtung karmischer Zusammenhänge...“
gebracht wird, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Worte, die man bei seinen Vorträgen und bei den
biblischen Betrachtungen liest, geistig durchlebt und erfahren wurden von einem der höchsten Eingeweihten des
Christus-Mysteriums. Siehe auch die zweibändige Biographie: Valentin Tomberg, Leben-Werk-Wirkung (1:
1900-1944 und 2: 1944-1973—Novalis Verlag: Schaffhausen 2001 und 2005).


23
Tomberg im Dezember/Januar 1938/39 in Rotterdam die tiefen Vorträge über „Die vier
Christusopfer und das Erscheinen des Christus im Ätherischen“ abhalten konnte.35
Versuchte Valentin Tomberg auch—wie Rudolf Steiner es in Verbindung mit dem
wiederinkarnierten Abraham andeutete—die Menschheit wieder zu einem bildreichen
symbolischen Denken zu bringen? Ja, er schrieb das Buch Die großen Arcana des Tarot als
Meditationen über die zweiundzwanzig Kartenbilder der sogenannten Großen Arcana des
Tarot und er versuchte, dieses Werk in der christlichen Tradition zu verankern.36 Dies ist auch
eine genau entgegengesetzte Tat zu der des historischen Abraham, der sich von den
umgebenden Völkern zurückzog; hingegen Valentin Tomberg versuchte, und versucht es
noch aus geistigen Reichen, die christlich-esoterische Tradition wie einen wiederbelebenden
Fluss in die Kirche zurückzubringen, um für die Millionen Christen die Möglichkeit zu
eröffnen, das Wissen über und das Erlebnis von dem Christus Jesus im Ätherischen zu
vermitteln.
Warum konnte Valentin Tomberg nicht mehr über die Wiederkunft sprechen, wenn dies seine
karmische Aufgabe war? Diejenigen, die nach Rudolf Steiners zu frühem Tod von ihm sogar
schon vorher vorbereitet waren, wirklich den Kommenden verstehen zu können, sie konnten
sich nicht noch einem Eingeweihten (nach Rudolf Steiner) öffnen, um dem Neuen zuzuhören.
Rudolf Steiners Vorbereitung auf den kommenden Bodhisattva war mehr oder weniger
umsonst. Deshalb öffneten sich nur ganz wenige Anthroposophen dem gegenüber, was
Valentin Tomberg zu sagen hatte.
Abraham hatte sich freiwillig von den religiösen Sitten und der Kultur seiner Zeitgenossen
getrennt. Ähnlich im Thema wurde Valentin Tomberg von der Anthroposophischen
Gesellschaft—aber nun unfreiwillig—verfemt und ausgegrenzt. Darüber hinaus fand er auch
keinen Raum für seine Arbeit in der Christengemeinschaft, der Rudolf Steiner als einer neuen
religiösen Gemeinschaft im Geiste der Anthroposophie ebenfalls ins Leben verholfen hatte.
Vielleicht waren alle diese Rückschläge, die Valentin Tomberg erleiden musste, irgendwie
auch karmische Notwendigkeiten. Trotzdem ist es tragisch, dass so wenige Menschen in
naher Verbindung zu ihm blieben, nachdem er genötigt war, sich 1940 aus der
Anthroposophischen Gesellschaft in Holland zurückzuziehen, als Europa immer tiefer in die
Finsternis des Zweiten Weltkriegs geriet.
Abraham betete, dass die drei Engel oder Eingeweihten, die ihn aufsuchten, bevor sie weiter
nach Sodom und Gomorra reisten, keine dieser Städte zerstören würden, wenn es nur „zehn
Gerechte“ dort gäbe. Doch Sodom und Gomorra wurden nicht verschont. Und es gab
entsprechend auch nicht einmal zehn Anthroposophen, die Valentin Tombergs neuen und
tiefen Offenbarung der christlichen Esoterik bei seinem wöchentlichen Vaterunser-Kurs—
Amsterdam, 1940-1943—zuhörten in der dunklen Stunde der Weltgeschichte, im Nazibesetzten
Holland während des zweiten Weltkrieges.37 Durch Kriegshandlungen geplagt hatte

35 Valentin Tomberg, Die vier Christusopfer und das Erscheinen des Christus im Ätherischen (Achamoth
Verlag: Taisersdorf/Bodensee 1994).
36 Anonym, Die grossen Arcana des Tarot. Meditationen (4 Bde; Herder Verlag: Basel 1998).
37 Valentin Tomberg hielt den Vaterunser-Kurs auf deutsch (4 Bde; Achamoth-Verlag: Taisersdorf/Bodensee
2008-2010) und durch die Gunst des Schicksals wurde mir (RP) 1978 eine Kopie dieser Notizen des Kurses
gegeben, die ich ins Englische übersetzte und den man als einen Studienkurs durch die Sophia Foundation
erhalten kann. Für jeden, der sich in diesen Kurs vertieft, kann kein Zweifel bestehen, dass Valentin Tomberg in
unmittelbarer Verbindung mit dem ätherischen Christus stand. Soweit wir wissen („wir“ sind die Autoren dieses
Aufsatzes), ist dies die tiefste Darstellung der christlichen Esoterik, die je gegeben wurde—und zwar wurde sie
kurz nach dem Beginn der Wiederkunft des Christus im Ätherischen, als Valentin Tomberg noch
verhältnismässig jung war, übermittelt.


24
die Menschheit in Europa noch immer fast nichts über die Wiederkunft Christi gehört und die
meisten haben—auch seitdem der Frieden kam—noch nichts über dieses Mysterium
aufgenommen. Sogar bis heute ist der großen Mehrheit der Menschen so gut wie keine
Kenntnis von der Wiederkunft Christi zugekommen. Etwas aber hat sich besonders unter den
jungen Menschen verändert: viele von ihnen fühlen eine Liebe und Verantwortung für Mutter
Erde und pflegen so zum Teil noch unbewusst—zum Teil bereits ganz bewusst—den Kontakt
mit Christus und Seiner Arbeit in den Ätherreichen.

Der Maitreya-Bodhisattva
Rudolf Steiner weist darauf hin, dass sich der zukünftige Buddha, der jetzige Maitreya-
Bodhisattva, einmal in fast jedem Jahrhundert inkarniert. Eine Überleuchtung—oder
Inkorporation—dieses Bodhisattva in der Person, die ihn als Erwachsener tragen wird, findet
gewöhnlich zwischen dem Alter von 30 und 33 Jahren statt.38 Im Falle von Valentin
Tomberg, der 1900 geboren wurde, war er 32 oder 33 Jahre alt, als die Bodhisattva-
Offenbarung in ihm anfing zu wirken.39 Durch Rudolf Steiners Erläuterung sehen wir, dass
die Maitreya-Individualität schon als jüngerer Mann zwischen 30 und 33 möglicherweise sein
Wirken entfalten könnte. Deshalb, nebenbei bemerkt, diese Individualität als solche nicht
genötigt sei, dem esoterischen Gesetz zu folgen, dass ein Eingeweihter nicht öffentlich
auftreten solle als esoterischer Lehrer in der Welt vor seinem vierzigsten Lebensjahr.
Soweit wir wissen, begann Valentin Tomberg öffentlich über seine tiefen spirituellesoterischen
Forschungen im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft in Estland als
Dreißigjähriger zu sprechen. 1933 fing er an, seine Anthroposophischen Betrachtungen über
das Alte Testament zu veröffentlichen, in dessen Vorwort es heißt:
Die „Anthroposophischen Betrachtungen über das Alte Testament“ sollen den Anfang
einer Reihe von weiteren Veröffentlichungen darstellen, zu denen sich der Verfasser
verpflichtet weiß….um dem Bedürfnis nach reiner anthroposophischer
Forschungsarbeit…entgegenzukommen. Der Inhalt der „Betrachtungen“ ist weder auf
dem Wege der Verstandesspekulation und des Hypothesenaufstellens, noch durch
bloße Zusammenfassung des Tatsachenmaterials der Vortragszyklen Rudolf Steiners
entstanden, sondern auf dem Wege anthroposophischer Forschung.40


Da er fortfährt, anthroposophische Forschung als ein Erlangen esoterischer Erkenntnis durch
die höheren Fähigkeiten der Imagination, Inspiration und Intuition zu beschreiben, ist es
offensichtlich, dass hier Valentin Tomberg sich—obwohl sehr diskret—als ein Esoteriker und
geistiger Forscher ankündigt. Kurz nach 1933 fing er an, öffentlich über die Wiederkunft
Christi im Ätherischen zu sprechen.41 Dies war genau der Zeitpunkt, auf den Rudolf Steiner

38 Robert Powell und Estelle Isaacson, Gautama Buddhas Nachfolger: Eine Kraft für das Gute in unserer Zeit
(IL-Verlag: Basel 2014). Anhang 1 bringt eine praktische Zusammenstellung von Rudolf Steiners Äußerungen
über die Individualität, die der Maitreya-Buddha werden wird.
39 Valentin Tomberg, Vaterunser-Kurs (Achamoth Verlag: Taisersdorf/Bodensee 2009), Bd. 2, S. 34.„Die
Weihnachtstagung sollte eine Vorbereitung für das Wirken des Maitreya-Buddha sein, der in den Jahren 1932,
1933 zu wirken begonnen hat.“.
40 Valentin Tomberg, Anthroposophische Betrachtungen über das Alte Testament (Achamoth Verlag,
Taisersdorf/Bodensee 1989), S. 7.
41 Valentin Tomberg, Die vier Christusopfer und das Erscheinen des Christus im Ätherischen (Achamoth
Verlag: Taisersdorf/Bodensee 1994), sieben Vorträge, die Valentin Tomberg in Rotterdam von Dezember 1938
bis Januar 1939 hielt.


25
hindeutete hinsichtlich des Bodhisattva, als er zum Gründer der Christengemeinschaft,
Friedrich Rittelmeyer in Bezug auf die 1930er Jahre hinwies, wenn wir „seine Aktivität“
bemerken werden.42 Indem Rudolf Steiner solche Hinweise machte, bereitete er seine
Geistesschüler implizite auf das Hervortreten einer Individualität „zu Beginn des Jahrhunderts
geboren“ in den 1930er Jahren vor. Aber Tomberg wurde—nach anfänglichem Wohlwollen
seitens Marie Steiner—von vielen führenden Anthroposophen verfemt außer dem
holländischen Vorstandsmitglied Elisabeth Vreede.43 Als er schließlich aus der
Anthroposophischen Gesellschaft in Holland ausgegrenzt war, zog er sich still von der
Anthroposophischen Bewegung zurück und lebte äußerlich wie ein „gewöhnlicher Mensch“
in den Augen der Welt, mit (anscheinend) nichts Besonderem um sich, aber in Wirklichkeit
wirkte er von da ab bis zum Ende seines Lebens aus dem Verborgenen die Entwicklung der
Menschheit fördernd. Hier zeigte sich eine andere Aussage von Rudolf Steiner als berechtigt,
als er in einem Vortrag von dem Bodhisattva sprach, der der Maitreya-Buddha werden wird:
Es ist wahr, dass sich die größte Wiederverkörperung in unserer Zeit abspielen könnte
und unser Zeitalter stumpf dafür sein könnte, sie vorübergehen lassen könnte, ohne
sich darum zu kümmern!44
Diese Worte Steiners waren prophetisch in Bezug auf Valentin Tomberg. Nach seinem
Rückzug aus dem öffentlich Anthroposophischen Wirken versteht man die folgenden Worte
Rudolf Steiners, die allgemein auf das verborgene Wirken der Meister hinweisen und warum
Valentin Tomberg sein letztes großes Werk, Die großen Arcana des Tarot, Meditationen,
anonym erscheinen ließ:
Die Meister sind in der Regel nicht gerade historische Persönlichkeiten, sie
inkarnieren sich manchmal, wenn es notwendig ist, in historische Persönlichkeiten;
aber es ist bis zu einem gewissen Grade ein Opfer. Der Grad ihres Bewusstseins ist
nicht mehr vereinbar mit einem Wirken für sich selbst. Und ein Wirken für sich selbst
ist schon die Erhaltung des bloßen Namens.45

42 Bezüglich Jeshu ben Pandira als einer früheren Inkarnation des Bodhisattva, der der Maitreya-Buddha werden
wird, sagte Rudolf Steiner als Antwort auf eine Frage Friedrich Rittelmeyers: Jeshu ben Pandira [d.h. der
wiedergeborene Jeshu ben Pandira] wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts geboren und wenn wir weitere
fünfzehn Jahre leben, werden wir seine Aktivität bemerken.“ Diese Bemerkung, die im August 1921 gemacht
wurde, deutet auf eine Geburt um das Jahr 1900 herum. Sie spricht auch von dem Beginn der Aktivität des
Bodhisattva [der der Maitreya-Buddha werden wird] in den 1930er Jahren. Offenbar meinte Rudolf Steiner, dass
seine Aktivität um 1936 bemerkbar würde. Das Vorangehende wurde zitiert nach Robert Powells Aufsatz
„Rudolf Steiner, Valentin Tomberg und die Wiederkehr Christi im Ätherischen“, der unter Articles auf der
Website der Sophia Foundation zu finden ist—www.sophiafoundation.org
43 Zwei leitende Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft hatten eine enge Verbindung zu Valentin
Tomberg. Die eine war Marie Steiner, die, da sie selbst aus Russland stammte, anfänglich eine enge Verbindung
zu dem jungen Russen Valentin Tomberg hatte, sich aber schließlich gegen ihn wandte. Die andere
Persönlichkeit war die holländische Mathematikerin und Astronomin Elisabeth Vreede, die Valentin Tomberg
großzügig ermutigte und unterstützte. Sie schrieb das Vorwort zu der englischen Ausgabe der
Anthroposophischen Betrachtungen über das Alte Testament. Sie organisierte Vorträge und Seminare für ihn.
Und sie war die Kontaktperson in Europa, durch die seine serienmäßig hergestellten Anthroposophische
Betrachtungen zum Alten und zum Neuen Testament und der Apokalypse sowie zu der Grundstein-Meditation
bezogen werden konnten. D.h. sie besorgte die Verteilung der Werke Valentin Tombergs von Dornach aus—
oder vielmehr, nach ihrem Ausschluss (1935) aus dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft, von
ihrem Haus in dem benachbarten Arlesheim, wo sie in einem vom Rudolf Steiner entworfenen Haus wohnte.
44 Rudolf Steiner, Das Matthäus-Evangelium (GA 123; Rudolf Steiner Verlag: Dornach 1988), 10. Vortrag.
45 Rudolf Steiner, Die Tempellegende und die goldene Legende (GA 93; Rudolf Steiner Verlag: Dornach 1979),
S. 119.


26
Das spezielle Verhalten einiger Gefolgsleute
Schon in der vorchristlichen Zeit kam es vor, dass wegen der hohen Wertschätzung, in der
Moses stand, die meisten der Schriftgelehrten und Pharisäer auch noch zur Zeit des Christus
Moses vorzogen und seine biblischen Äußerungen wurden den neuen Lehren des Messias,
den sie nicht erkannten, gegenübergestellt. Die Tragik dieser Situation war, dass das Leben
von Moses—von dem Rudolf Steiner als einem Eingeweihten des Erzengel Michael sprach,
der zu dieser Zeit sogar der Volksgeist der Israeliten46 war—vollkommen der Vorbereitung
des jüdischen Volkes für das Kommen des Messias gewidmet war!
Wie bei fundamentalistischen Einstellungen verhalten sich auch hier einige Schüler Rudolf
Steiners. Sie scheinen sich dazu gedrängt zu fühlen, gnadenlos jeden anzugreifen, der
eventuell in irgendeiner Weise ihrem Meister vergleichbar erscheinen könnte. Deutlich wird
dies in der Art, wie einige Anthroposophen Valentin Tomberg angriffen und verfolgten, weil
er mit einer esoterischen Tiefe und Autorität sprach, die dem vergleichbar war, was von
Rudolf Steiner ausging. Anstatt Valentin Tomberg anzusehen als jemanden, der eine
ergänzende und weiterführende Aufgabe zu der von Rudolf Steiner hatte, wurde er als ein
Konkurrent zu dem Meister angesehen und folglich fühlten sich einige Anthroposophen dazu
aufgerufen, skrupellos gegen ihn Krieg zu führen und ihn zu verleumden—bis in unsere Zeit
hinein.
Es gibt auch eine Anzahl römisch-katholischer Theologen, die nicht in der Lage zu sein
scheinen, irgend eine andere Theologie gelten zu lassen als die Lehren des Thomas von
Aquin, obwohl Rudolf Steiner von den Lehren des Thomas von Aquin als wegbereitend
sprach, um den geistigen Weg zur Anthroposophie zu finden.47 Könnte es sein, dass sich
Ähnliches auch in der Zukunft wiederholt und so alles das ignoriert wird, was eine weitere
geistige Note hat, weil es sich nach Rudolf Steiners Tod 1925 ereignete? Die Tragik wird
besonders sichtbar daran, dass Rudolf Steiner selbst kategorisch den Fundamentalismus und
Dogmatismus jeder Art verwarf!


Das dritte christliche Jahrtausend
Das dritte christliche Jahrtausend hat begonnen, dessen führender und inspirierender Geist
derjenige der Abraham-Individualität ist. Das muss nicht bedeuten, dass jetzt Rudolf Steiners
Lehren, als „Moses“ des zweiten christlichen Jahrtausends, von weniger Bedeutung seien,
sondern es kommt nun, um eine musikalische Analogie zu nehmen, ein neues Thema, das
zusätzlich in der Menschheit erklingen soll. All die Hinweise, die oben aufgezeigt wurden,
deuten auf neue Impulse, die von einer weiteren Individualität dargestellt werden sollen.
Die Befruchtung der Wissenschaften mit einem neuen Verständnis für die Natur und die
Bedeutung der ätherischen Lebenskräfte ist eine notwendige Bedingung für die Menschheit
um zu überleben und um in das Mysterium von Christi Gegenwart im Ätherischen
einzutreten.48 Jetzt ist es an der Zeit, in einen Dialog mit anderen geistigen Gruppen
einzutreten, wie es Rudolf Steiner ankündigte:


46 Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen
Schule 1904-1914 (GA 265; Rudolf Steiner Verlag: Dornach 1987), S. 407: „Der Volksgeist, der sich bei der
Einweihung mit Moses verband und dann in ihm lebte, war Michael.“ Siehe auch Dionysius der Areopagite,
Mystical Theology and the Celestial Hierarchies (Shrine of Wisdom: Fintry/England 1965), S. 47: “Michael
wird der Herr des Volkes von Juda genannt.“
47 Rudolf Steiner, Die Philosophie des Thomas von Aquin (GA 74; Rudolf Steiner Verlag: Dornach 1993).
48 Wir (RP & KH) möchten unsere Ansicht betonen, dass Fundamentalismus und Dogmatismus nur eine Tendenz
von Seiten einiger ist und dass wir gleichzeitig auch die wunderbaren und schönen Errungenschaften in der Welt

27
Nur dadurch, dass eine solche Spiritualität, wie sie durch die anthroposophische
Bewegung fließen will, sich vereinigt mit anderen Geistesströmungen, wird Michael
diejenigen Impulse finden, die ihn mit der irdisch gewordenen Intelligenz, die
eigentlich ihm gehört, wieder vereinigen werden.49
Im Großen und Ganzen hat die Menschheit noch fast nichts von der Wiederkunft Christi im
Ätherischen gehört. Diese Botschaft, die seit den 1930er Jahren den meisten Anthroposophen
bekannt geworden sein sollte, bleibt immer noch zu bringen. Und es ist eine tiefe Tragik für
die geistige Welt, dass die lebendige himmlische Hierarchienlehre und deren Zusammenhang
mit dem Menschen, wie Rudolf Steiner sie gerade in seiner letzten Lebenszeit in den „Karma-
Vorträgen“ und in der Hochschularbeit zu Wort kommen lässt, auch noch unbekannt ist.
Leider konnte die Übergabe seiner Menschen-führenden Mission der im 20. Jahrhundert
wiedergeborenen Abraham-Individualität, dem Maitreya-Bodhisattva, nicht direkt übertragen
werden, obwohl er es sicherlich gemacht hätte, wenn er sein zweiundsiebzigstes Lebensjahr
erreicht hätte, von dem er als von einem Urbild für die Lebensspanne des Menschen sprach
(1933 wäre Rudolf Steiner zweiundsiebzig Jahre alt gewesen).50 In den Jahren zwischen 1925
und 1933 wären Rudolf Steiner und Valentin Tomberg einander sicherlich begegnet, der in
dieser Zeit ja Marie Steiner traf und mit ihr befreundet war.
Sich um den lebendigen Geist der ewigen Individualität zu bemühen, ergibt reiche Aspekte,
anstatt die Aufmerksamkeit nur auf die historische Person Rudolf Steiner zu richten, wie es
mancher Biograph heute tut. Aber unsere Blickrichtung sollte nicht allein auf die
Vergangenheit gerichtet sein, sondern auch auf die Zukunft. Beide, Abraham und Moses,
dienten in der vorchristlichen Zeit der Vorbereitung der Inkarnation des Christus. Im
zwanzigsten Jahrhundert (und darüber hinaus) wirkten und wirken sie für die Erkenntnis der
Wiederkunft Christi im Ätherischen. Jedoch ist die Reihenfolge ihrer Wirksamkeit im
zwanzigsten Jahrhundert Moses und dann Abraham, wie Rudolf Steiner (siehe Fußnote 29)
angedeutet hat. In dieser Hinsicht ist es offensichtlich, dass wir mit Rudolf Steiners
Mitteilungen, aber auch mit dem, was von Valentin Tomberg gegeben wurde, arbeiten
können—denn die Synthese der beiden Impulse, die von diesen beiden Individualitäten
ausgehen, ist sehr fruchtbar—um dem geistigen Fortschritt der Welt- und
Menschheitsentwickelung im dritten christlichen Jahrtausend zu entsprechen.


Der Aristotelische und der Platonische Strom
Der Übergang von dem zweiten ins dritte Jahrtausend kann in einem weiteren Zusammenhang
gesehen werden. Gegen Ende seines Lebens sprach Rudolf Steiner von zwei
Menschengruppen, die durch ihre unterschiedlichen Fähigkeiten gemeinsam in der Lage
wären, positiv die Entwicklung der Menschheit zu fördern. Diese beiden Gruppen nannte er
die Aristoteliker und die Platoniker, und bemerkte, dass ihre Lebensansichten unterschiedlich

anerkennen von vielen ernsthaft strebenden Anthroposophen, die außerordentliche Dinge bezüglich der
Evolution der Menschheit und der Erde erreicht haben. Diese großen Errungenschaften von Anthroposophen, die
höchst lobens- und anerkennenswert sind, sind wahrhaftig Beispiele der Wahrheit, Schönheit und Güte in Rudolf
Steiners Anthroposophie.
49 Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge (GA 237; Rudolf Steiner Verlag,
Dornach, 1959), 7.Vortrag.
50 Rudolf Steiner, Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Der Mensch—eine Hieroglyphe
des Weltenalls (GA 201; Rudolf Steiner Verlag: Dornach 1987), Vortrag vom 16. April 1920. Da Rudolf Steiner
im Jahre 1861 geboren wurde, wäre er 1933 zweiundsiebzig Jahre alt gewesen, wenn er noch weitere acht Jahre
gelebt hätte—nach seinem Todesjahr (1925).

28
seien. Durch ihre Zusammenarbeit aber könnte gerade deswegen viel mehr Gutes in die Welt
gebracht werden als durch das, was eine dieser Gruppen alleine erreichen könnte.
Natürlich waren die meisten der Anthroposophen zu Lebzeiten Rudolf Steiners mit ihm selber
verbunden, ihm—der auf Erden als Aristoteles gelebt hatte—und sie waren daher meistens
Aristoteliker. Andererseits war Valentin Tomberg ein Platoniker, wie in dem Aufsatz Valentin
Tomberg: A Platonic Soul,51 gelesen werden kann.52 Rudolf Steiner fasste eine große Anzahl
sowohl Platoniker wie auch Aristoteliker ins Auge, als er davon berichtete, dass sie sich im
letzten Teil des zwanzigsten Jahrhunderts inkarnieren würden. Und wir können davon
ausgehen, dass deren Inkarnationen im letzten Teil des zwanzigsten Jahrhunderts sich noch
bis in unsere Zeit hinein erstrecken. Rudolf Steiners große Hoffnung war, dass die
Aristoteliker und Platoniker zusammenarbeiten und sich gegenseitig ergänzen würden. Jede
dieser Gruppen hat offenbar die Tendenz, ihre Aufmerksamkeit einzig auf die ihrer Anlage
nach geformte Individualität zu richten, die Aristoteliker auf die Moses-Aristoteles-Thomas
von Aquin-Rudolf Steiner-Individualität und die Platoniker richten sich vorzüglich auf die
Abraham-Jeshu ben Pandira-Valentin Tomberg-Individualität—der zukünftige Maitreya-
Buddha, der Träger des Guten—aus. Weiter ist offensichtlich, dass die Selbsterkenntnis, zu
welcher Gruppe man gehört, eine Voraussetzung ist, innerlich, geistig den Übergang von dem
zweiten zum dritten Jahrtausend zu vollbringen. Ebenso wie es geistig keinen Missklang
zwischen Moses und Abraham gibt, so müsste jeder Missklang zwischen den Aristotelikern
und Platonikern überwunden werden. Dies beschreibt Valentin Tomberg folgendermaßen:
Es sind zwei Strömungen innerhalb der Anthroposophischen Bewegung, von denen
Rudolf Steiner als von den „Platonikern“ und den „Aristotelikern“ spricht. Die
Platoniker sind Menschen, bei welchen sich das neue Hellsehen in der Form des
karmischen Schauens einstellen wird. Die Aristoteliker werden Hellsehen den
Naturerkenntnissen gegenüber haben….Diese zwei Gruppen von Menschen werden
zusammenarbeiten, es wird nicht anders möglich sein. Sie werden zusammen arbeiten
müssen… Es werden die Menschen der Sophia, die Offenbarungsmenschen,
[Platoniker] gemeinsam den Weg gehen mit den Erkenntnismenschen [Aristotelikern,
auf Michael orientiert]. Es werden die Platoniker mit den Aristotelikern Wache halten
an der Schwelle der geistigen Welt….Die Gemeinschaft…hat angefangen durch
Rudolf Steiner, durch die Begründung der Anthroposophischen Bewegung, durch die
Mitteilung der Mission Michaels und durch das Unglück, das wir später erlebt haben.
Aufgerufen werden wir durch die Stimme Rudolf Steiners, geprüft werden wir durch
das Unglück, das jetzt kommt [1938]. Was wir wachrufen müssen in der Tiefe der
Seele, ist Ernst in Bezug auf die geistige und äußere Welt und Treue dem Geist
gegenüber, jeder in seiner Lebensposition. Wir können alles tun und sprechen
innerhalb des alltäglichen Lebens. Halten wir aber ein Gebiet rein vom Kompromiss;
bleiben wir dem Geiste treu, unabhängig von allen Lehren und Lehrern der Welt, von
allen Organisationen der Welt. Bleiben wir treu der inneren Stimme der Wahrheit und
des Gewissens! Dann sind wir in der Schule der Vorbereitung der zukünftigen


51 Robert Powell, Valentin Tomberg: A Platonic Soul („Valentin Tomberg: Eine platonische Seele“), kann als
PDF von Articles der Website der Sophia Foundation heruntergeladen werden—www.sophiafoundation.org.
52 Ich (RP) hörte persönlich von Eva Cliteur, die mit Valentin Tomberg und Marie Tomberg befreundet war, dass
Valentin Tomberg, der fast nie über das Thema von Reinkarnation in bestimmten Beispielen der
Wiederverkörperungen sprach, eines Tages Eva Cliteurs Gedanken las, die innerlich die Frage hatte, ob Valentin
Tomberg ein Aristoteliker oder ein Platoniker sei. Ohne Anstoß sagte er: „Ich bin ein Platoniker.“

29
Michaelgemeinschaft, welche die Losung haben wird: Michael-Sophia in nomine
Christi (Michael [und] Sophia im Namen Christi“).53


Dieser Absatz beschreibt die geistigen Talente und Fähigkeiten der beiden Gruppen und deren
gemeinsame Aufgabe. Eine erschöpfende Charakterisierung der Aristoteliker und Platoniker
kann und muss auf verschiedenen Ebenen geschehen, doch geht dies weit über den Rahmen
dieses Aufsatzes hinaus. Ein wichtiges Element aber möchte noch beleuchtet werden: wie der
grundlegende Unterschied zwischen den Gruppen durch die verschiedene Art zu denken
erkannt werden kann.

Der Unterschied im Denken zwischen Aristotelikern und Platonikern
Abraham bemächtigte sich des physischen Gehirns und „löschte“ quasi das frühere
träumerische bildhafte Bewusstsein, das in allen Kulturen der Antike vorherrschte, aus. Mit
dieser „Auslöschung“ wurde eine strikte Trennung zwischen der sinnlich-wahrnehmenden
Erkenntnis und der zugrunde liegenden geistig gegenwärtigen Idee dessen bewirkt, was uns in
der Welt, in der wir leben, begegnet. Rudolf Steiner zeigt uns—vor allem in seinem
grundlegenden Werk der Philosophie der Freiheit—wie wir durch innere geistige Arbeit ein
ätherisches Denken entwickeln können, ein Denken, das nicht nur das physische Gehirn
benutzt, sondern das dynamisch entbindet und uns erlaubt, seinen entsprechenden ätherischen
Teil zu benutzen. Hier haben wir es mit einer intimen Beziehung zwischen dem physischen
und ätherischen Leib des Menschen zu tun.
Rudolf Steiner erklärte auch, wie das Bilder-Traumbewusstsein aus unserem Traumleben
aufsteigt. Wenn wir einschlafen, löst sich der Astralleib von dem physischen Leib und
besonders vom Nerven-Sinnes-System, mit dem er normalerweise verbunden ist; es bleibt
aber trotzdem eine Verbindung zum Ätherleib. Traumbilder kommen auf, wenn der Astralleib
sich selbst in den Ätherleib eindrückt. Eine der Taten, die Rudolf Steiner aufzeigte, die die
Abraham-Individualität für die Menschheit vollbringen würde in der nach-christlichen
Abraham-Epoche, ist zu helfen, das symbolische Bilderbewusstsein auf eine höhere und
bewusstere Ebene zu heben. Valentin Tomberg hat uns schon mit dieser Aufgabe in sehr
bedeutsamer Weise geholfen. Er hat uns eine wirklich tiefgründige Beschreibung einer gut
bekannten Reihe von Symbolen gegeben, die den urbildlichen Symbolismus darstellen, der in
den alten Bildern der Tarot-Karten lebt, die wiederum aus dem alten ägyptischen Buch des
Thot stammen, dem Buch, das die Weisheit der Welt enthält. Rudolf Steiner sagt von diesem
Buch:
Das Buch des Thot bei den Ägyptern bestand aus 78 Karten, die die
Weltengeheimnisse enthielten. In der ägyptischen Einweihung kannte man dieses sehr
wohl…Diejenigen, die eingeweiht waren in die ägyptischen Mysterien, verstanden das
Zeichen (das Symbol des Tarot) zu lesen. Sie verstanden auch das Buch Thot zu lesen,
das aus 78 Kartenblättern bestand, in welchen alle Weltgeschehnisse vom Anfang bis
zum Ende, von Alpha bis Omega, verzeichnet waren und die man lesen konnte, wenn
man sie in der richtigen Reihenfolge verband und zusammensetzte. Es enthielt in
Bildern das Leben, das zum Tode erstirbt und wieder aufsprießt zu neuem Leben. Wer


53 Valentin Tomberg, Sieben Vorträge über die innere Entwicklung des Menschen (Achamoth Verlag:
Taisersdorf/Bodensee 1993), S. 28-30.

30
die richtigen Zahlen und die richtigen Bilder miteinander vereinen konnte, der konnte
in ihm lesen.54


Aus dieser kurzen Charakterisierung des Tarot wird deutlich, wie auch Valentin Tomberg in
seinem Buch55 erläutert, dass innerlich das alte Sprichwort der Ägypter, welches Hermes
zugesprochen wird, realisiert wird: „Wie oben, so unten“. Diese platonische
Gedankenführung, die auf Entsprechungen basiert, bezieht sich auf den Astralleib („oben“)
und das bewusste Überführen von Eindrücken des Astralleibes in den Ätherleib („unten“), wie
es auf einer mehr unbewussten Ebene im Traumzustand geschieht.
Das Erkennen der Parallele zum Traum, aber jetzt zum Bewusstsein gebracht, ist ein
Schlüssel, die Mysterien zu durchdringen, die in den Tarotbildern ausgedrückt werden. Wie
schon beschrieben, geht andererseits der aristotelische Gedanke von der Ebene des physischen
Gehirn-Denkens aus zu dem lebendigen Denken, das im Ätherleib webt.
Platonisches Denken—wir könnten auch sagen hermetisches Denken (weil es auf den
ägyptischen Eingeweihten Hermes zurückgeht)—basiert auf der Analogie zwischen „oben“
und „unten.“ Newtons Entdeckung der Schwerkraft, der die planetarische Bewegung („oben“)
zugrunde lag, wurde auf dem Weg der Analogie mit der Wahrnehmung eines vom Baum
fallenden Apfels gefasst („unten“). Ein anderes Beispiel der Anwendung des Prinzips der
Analogie ist die Erkenntnis der Entsprechung zwischen dem Jahreslauf („oben“)—Frühling,
Sommer, Herbst, Winter—und dem Tageslauf („unten“)—Morgen, Nachmittag, Abend,
Nacht. Also bezieht sich die platonische Denkweise auf Analogie bzw. Entsprechungen
zwischen „oben“ und „unten“. Das aristotelische Denken hingegen basiert auf dem Prinzip
der Metamorphose. Zum Beispiel, wenn wir das Pflanzenwachstum beobachten, sehen wir,
dass es mit dem Samenkorn beginnt, dann entwickelt sich der Keim durch die Metamorphose
in eine Wurzel nach unten und bildet einen Trieb nach oben, der sich dem Lichte zuwendet
und sich in die ersten Keimblätter metamorphosiert. Das Prinzip der Stängel- und
Blattbildung metamorphosiert sich zur Bildung von Kelch- und Blütenblatt. Diese gehen
erneut eine Metamorphose durch, um zu Staubgefäßen zu werden und können sich noch
weiter umformen zu dem Duft der Blüte. Das Denken in Metamorphosen ist eben ein anderes
als das in Analogien. Beides zusammen kann aber zu einer höchst lebendigen Art der
Erkenntnis führen.

Zusammenfassung und zukünftige Aufgabe
Zusammenfassend kann man von dem aristotelischen Denken als einem lebendigen
Wechselspiel zwischen dem physischen Leib und dem Ätherleib sprechen, wobei dieses
Wechselspiel durch Metamorphose zum Ausdruck kommt. Demgegenüber bezieht sich das
platonische Denken mehr auf das Wechselspiel zwischen dem Astralleib und dem Ätherleib,
wie es zum Ausdruck durch Analogie der Entsprechungen zwischen „oben“ und „unten“
kommt. Hier sehen wir die gegensätzliche Natur des aristotelischen und platonischen
Denkens; ihr Berührungspunkt ist der Ätherleib und die ätherische Welt, in der es lebt. Es
zeigt somit die große Aufgabe, mit der Platoniker und Aristoteliker konfrontiert sind: der
Menschheit ein deutliches Bild des Ätherischen zu bringen—des Ätherischen in der Natur
und des Ätherleibes des Menschen. Wenn wir nämlich nicht die ätherische Ebene des Seins


54 Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen
Schule 1904-1914, (Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 1987) GA 265, S. 361-362.
55 Anonymous, Die großen Arcana des Tarot. Meditationen (4 Bde.; Herder Verlag: Basel 1998), Kapitel 1.

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verstehen, wie können wir dann anfangen, die Wiederkunft Christi im Ätherischen zu
verstehen?
Hier wird ein bedeutsames Ziel der Anthroposophischen Bewegung in der Welt deutlich, d.h.
die Wiederkunft des Christus den Menschen verständlich zu machen, indem man ein
Verständnis für das Ätherische in der Welt und für den Ätherleib des Menschen eröffnet.
Dieses Verständnis kann erreicht werden, wenn Menschen des platonischen und
aristotelischen Stromes in der Lage sind, harmonisch zusammenzuarbeiten. Im Lichte des
Überganges des einen Jahrtausends in das nächste, der in diesem Aufsatz besprochen wurde,
ist es abhängig von uns selbst, ob wir fähig sind mit dankbarem und offenem Herzen die
jeweiligen Inkarnationen des zukünftigen Moses und der erneut kommenden Abraham-
Individualität aufzunehmen, die in ihren letzten Inkarnationen Rudolf Steiner und Valentin
Tomberg hießen.
Da sich der Bodhisattva, der der Maitreya-Buddha werden wird, jedes Jahrhundert einmal
inkarniert, und da Rudolf Steiner davon sprach, sich gegen Ende des zwanzigsten bzw.
Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts56 wieder zu inkarnieren, wird uns eine zweite
Gelegenheit gegeben, die Impulse der Moses- und der Maitreya-Individualität in ihren
Inkarnationen im einundzwanzigsten Jahrhundert aufzunehmen; denn es braucht wirklich eine
neue Herzenskultur und besonderer Pflege der Seele, damit die Herzen der Menschen berührt
und sie zum neuen Handeln geführt werden, worauf Valentin Tomberg schon mit den
folgenden Worten in seinem Buch Anthroposophische Betrachtungen über das Neue
Testament und die Apokalypse, hinweist:
Die ätherische Wiederkunft des Christus ist gleichzeitig sowohl die große Hoffnung,
als auch die große Prüfung des gegenwärtigen Zeitalters. Sie ist die große Hoffnung,
weil sie eine Kraftwirkung ausüben wird, welche die Seelen befähigen wird, die
Wirkung des Abstrakten und Mechanischen zu überwinden. Sie wird sich z.B. darin
äußern, dass bei einer Anzahl von Menschen das Abstrakte insofern überwunden sein
wird, als sie die Eigentümlichkeit haben werden, von reinen Gedanken bis in die
Tiefen des Herzens erschüttert werden zu können. Und zwar wird es …die lebendige
Wirkung der Gedanken selbst sein. Denn ihre Wirkung wird sich bis auf den
Lebensleib des Menschen erstrecken können: der durch die Christuswirkung
wiederbelebte Lebensleib wird den Gedanken ein Leben verleihen, das die Erlösung
bedeuten wird von der Abstraktion. Diese Erlösung wird aber dadurch geschehen, dass


56 Robert Powell und Estelle Isaacson, Gautama Buddhas Nachfolger: Eine Kraft für das Gute in unserer Zeit,
(IL-Verlag: Basel 2014), S. 125—wo die Inkarnation des Bodhisattva einmal in fast jedem Jahrhundert
angesprochen wird. Für die Aussage, dass Rudolf Steiner um den Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts
wiedergeboren wird, siehe Stephen E. Usher’s Aufsatz „Remarks on the Culmination at the End of the 20th
Century“ in der regelmäßig erscheinenden Jupiter Zeitschrift (Verlag am Goetheanum: Dornach zweimal
jährlich), Bd. 6 (2011), S. 71-92, frei herunterzuladen als PDF von:
http://www.anthroposophy.org/uploads/Media/SEUsher-Remarks_on_the_Culmination.pdf, wo auf Seite 75
Stephen E. Usher bemerkt: „In dem kleinen Buch Rudolf Steiners Jahrtausendprophezeiungen von Heinz
Herbert Schöffler, das den Text eines Vortrages wiedergibt, den er 1995 hielt, wird berichtet, dass 1922 in
Beantwortung der Frage von W.J. Stein, Rudolf Steiner feststellte, dass er in 80 Jahren in Amerika wiederkehren
würde. Der Text lässt offen, ob dies bedeutet, dass Steiner 2002 geboren oder dann aktiv werden würde. Nach
reichlicher Meditation fand ich, dass die bessere Interpretation die ist, dass Rudolf Steiner 2002 aktiv werden
würde, mit anderen Worten, ein Erwachsener sei, der unabhängig wirken kann und nicht ein Baby oder Kind.
Die Grundlage dieser Interpretation ist, dass Rudolf Steiner 1924 dem Publikum der Vorträge über Esoterische
Betrachtungen karmischer Zusammenhänge äußert, dass es weniger als 100 Jahre brauche bis zum Ende des 20.
Jahrhunderts, dass sich sehr bedeutende Dinge für die Entwicklung der Erde ergeben würden, und dass
Teilnehmer seiner Hörerschaft aufgerufen wären, an diesen Ereignissen nach einem relativ kurzen Intervall
zwischen Tod und Wiedergeburt teilzunehmen .“

32
der Überwindung der abstrakten Erkenntnis die Überwindung der abstrakten
Fragestellung vorangehen wird. …durch diejenige Art der Fragestellung, wo jede
Frage, welche auftaucht, eine weitere Stufe des erwachenden Gewissens bedeuten
wird. Es wird dann kein anderes Fragen geben, als solches, welches aus dem
moralischen Bedürfnis der Seele entsteht.57
Und wie die Gegenwart Jesu Christi im Ätherischen die Hilfe der durchchristeten Menschen-
Iche bekommt, um die leidende und wartende Natur zu erlösen, beschreibt Valentin Tomberg
ebenfalls in dem oben genannten, sehr hilfreichen und anregenden, tatsächlich
apokalyptischen Buch:
…dass man sich nicht nur der sozialen Aufgaben der Menschheit gegenüber bewusst
sein wird, sondern auch namentlich der Aufgaben der Menschheit der Natur
gegenüber: man wird die Natur nicht mehr als Gegenstand der Ausbeutung betrachten,
sondern sich dessen bewusst sein, dass sie der Erlösung durch den Menschen harrt…es
wird ein Dienst des Heilens der Natur sein… Der im Ätherischen kommende Christus
kommt nunmehr nicht für die Menschen allein: diesmal gilt sein Opfer auch der Natur.
Es erhält der Christus einen „neuen Namen“, weil eine neue Art seines Heilwirkens
geschehen wird. Und die Menschen, welche dieses erkannt und in ihre Seelenziele
aufgenommen haben werden …sind die Heerscharen des Sohnes, die „Brüder
Christi“.58


57 Valentin Tomberg, Anthroposophische Betrachtungen über das Neue Testament und die Apokalypse,
(Achamoth Verlag: Taisersdorf/Bodensee 1991), S. 276.
58 Ebenda, S. 295.